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Autor: Redaktion
Um Bruno Schulz, den polnisch-jüdischen Avantgardekünstler, ranken sich Skandale. 2001 hatte man in einer Villa im heute westukrainischen Drohobytsch, unter vielen Farbschichten verborgen, Wandbilder mit Märchenmotiven entdeckt. Schulz hatte sie 1942 für den Gestapo-Chefs von Drohobytsch anfertigen müssen. 2001 trug man die Wandbilder in Drohobytsch ab und verbrachte sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Israel. Das sorgte auch im deutschsprachigen Feuilleton für Aufregung, allerdings nur für kurze Zeit. Dann wurde es wieder still um Bruno Schulz, der nicht nur Maler und Zeichner war, sondern auch und vor allem ein genialer Autor. In dieser Eigenschaft wird er nun mit einer neuen deutschen Werkausgabe geehrt. Von Martin Sander.
Durch die einzigartige Kunst seiner Sprachbilder gehört das Werk von Bruno Schulz zum Bedeutendsten, was die europäische Moderne hervorgebracht hat. In Polen weiß man das seit langem zu schätzen und ehrt den Autor als Ikone des 20. Jahrhunderts. In Deutschland aber droht Schulz’ Erzählwerk immer mal wieder in Vergessenheit zu geraten. Nun hat der Carl Hanser Verlag mit den "Zimtläden" den ersten Band einer neuen Schulz-Werkausgabe vorgelegt – fast ein halbes Jahrhundert nach der ersten deutschen Übersetzung aus der Feder von Josef Hahn. Die Initiative zu der neuen deutschen Ausgabe stammt von der in Wien lebenden Übersetzerin Doreen Daume. In einer Jahre währenden Anstrengung hat sie den Verlag, für den sie zwischenzeitlich auch die Werke des Nobelpreisträgers Czes³aw Mi³osz übertrug, zu dem aufwendigen Unternehmen einer neuen Schulz-Ausgabe bewogen. Bruno Schulz ist für Doreen Daume ein Schlüssel für die eigene Arbeit. Die "Zimtläden", die sie bereits vor vielen Jahren zum ersten Mal las, ließen sie nicht los. "Ich habe das Buch einfach nicht mehr ins Regal gestellt. Ich wollte eintauchen können, wann immer ich will", erzählt sie. Durch Schulz ist sie zum Übersetzen gekommen, durch Schulz hat die frühere Klavierlehrerin überhaupt ihre Leidenschaft für die polnische Sprache entdeckt.
"Die Zimtläden" entstanden aus Briefen an eine enge Freundin des Autors. 1934 wurden sie als Zyklus von fünfzehn Erzählungen erstmals auf Polnisch publiziert. Szene für Szene mythologisiert der Autor seine eigene Kindheit in Drohobytsch, einer kleinen Industriestadt an der östlichen Peripherie der Habsburger Monarchie, in der man Polnisch und Deutsch, gelegentlich aber auch Jiddisch oder Ukrainisch sprach. Seien es die Kapriolen des Wetters, das Spiel von Licht und Schatten oder die Ornamente der häuslichen Tapete, das Alltägliche entfaltet immer wieder sein aufregendes Eigenleben und entgleitet bis ins Märchenhafte. Münzen werfende Gassenjungen verwandeln sich in Wahrsager und eine stadtbekannte Wahnsinnige, die auf einem Abfallhaufen im Garten ihr Lager aufgeschlagen hat, entpuppt sich, während sie sich halbnackt unter alten Lappen und Fetzen allmählich in Bewegung setzt, in den Augen des Ich-Erzählers als heidnische Göttin. Die fünfzehn Geschichten der "Zimtläden" aber dominiert die Figur des Vaters. Mal ein ganz und gar experimentierfreudiger Forscher erweckt dieser Vater in nächtlichen Seancen Schneiderpuppen zu menschlichem Leben. Mal klettert er, von Beruf Tuchhändler, auf die hohen Regale seines Geschäfts und schleudert der kauflustigen Menge gleich einem zornigen Propheten die Stoffballen entgegen. Der Geist dieses Vaters wird sogar in einem ausgestopften Kondor lebendig, während der dahinsiechende Körper irgendwann sang- und klanglos von der Bildfläche verschwindet. Im wirklichen Leben starb der Tuchhändler Jakub Schulz 1915. Zu dieser Zeit hinterließ der erste Weltkrieg eine Schneise der Zerstörung in Ostgalizien und verschonte auch das Schulz’sche Elternhaus am Marktplatz von Drohobytsch nicht. Bald brach die Habsburger Monarchie zusammen. Für Bruno Schulz, der einige Semester Architektur in Lemberg studiert und einige Zeit in Wien verbracht hatte, bildeten diese Geschehnisse den tragischen Ausklang jener Kindheit und Jugend, die er viele Jahre später in seinen Erzählungen wieder aufscheinen läßt.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Drohobytsch der neu gegründeten polnischen Republik eingegliedert. Schulz erhielt eine Anstellung als Kunstlehrer am Gymnasium. Noch Bevor er als Erzähler an die Öffentlichkeit trat, hatte er sich als bildender Künstler einen Namen gemacht. Seine Zeichnungen, die in phantastischer Manier, nicht selten als Karikatur, die alte, untergegangene Welt seiner Kindheit einfingen, waren wie seine Texte von Motiven des Masochismus durchdrungen. In den späten dreißiger Jahren fand Schulz Aufnahme in die damalige literarische Elite Polens. Es war ein kurzer Augenblick der Anerkennung. 1939 fiel Drohobytsch - im Gefolge des Hitler-Stalin-Pakts - an die Sowjetunion. Schulz betätigte sich mehr oder minder freiwillig als Auftragsmaler, pinselte sogar ein Stalinporträt und versuchte Erzählungen in der kommunistischen Literaturpresse zu lancieren, allerdings ohne Erfolg. „Wir brauchen hier keine Prousts“, hieß es. 1941 kamen die Deutschen nach Drohobytsch, richteten für die jüdische Bevölkerung ein Ghetto ein und mordeten die Menschen nach Auftrag oder Lust und Laune dahin. Bruno Schulz erfuhr eine Zeit lang Protektion durch den Drohobytscher Gestapo-Chef Felix Landau, der ihn als Haus- und Kunstsklaven beschäftigte. Dennoch gab es auch für ihn keine Rettung. Im November 1942 wurde er von einem mit Landau verfeindeten SS-Mann auf offener Straße erschossen. Im selben Jahr 1942 wandte sich der junge, erst 18jährige Jerzy Ficowski, später selbst ein bekannter polnischer Schriftsteller, mit einem Brief an Bruno Schulz.
Er schrieb über das Entzücken, das die Lektüre der "Zimtläden" bei ihm ausgelöst hatte, nannte das Buch eine ganz große Offenbarung, und erhielt keine Antwort mehr. Bruno Schulz ließ Jerzy Ficowski bis zu seinem Tod 2006 nicht los. Ficowski suchte nach dem Zweiten Weltkrieg in mühseliger Arbeit verloren gegangene Manuskripten und Zeichnungen, erforschte das Leben des Künstlers mithilfe von überlebenden Zeitzeugen und verfasste 1967 die erste Schulz-Biographie, die lange Zeit konkurrenzlos blieb. Gemeinsam mit den „Zimtläden“ hat der Carl Hanser Verlag jetzt, übersetzt von Friedrich Griese, eine auf dieser Studie aufbauende Biographie herausgebracht: "Bruno Schulz 1892-1942. Ein Künstlerleben in Galizien". Ficowski gebührt das Verdienst, den im kommunistischen Polen zunächst in Vergessenheit geratenen Schulz wieder entdeckt und schließlich auch international bekannt gemacht zu haben. 1961 erschien Bruno Schulz’ polnisches Erzählwerk erstmals auf Deutsch in der Übersetzung von Joseph Hahn. Diese Übersetzung steigerte die bei Bruno Schulz oft ins Absurde mündende Wortakrobatik allerdings auch dort ins Aberwitzige, wo es vom Autor gar nicht beabsichtigt war. Vor allem aber schuf Hahn eine Satzarchitektur, die den Schulz’schen Erzählflüssen und Gedankenströmen keineswegs entsprach und den Leser immer wieder aus der Bahn warf. Sie habe das Gefühl gehabt, Schulz in dieser Übersetzung immer nur in kleinen Dosen zu sich nehmen zu können, sie sei immer wieder stecken geblieben, erklärt Doreen Daume. Schließlich sei durch ihre immer wieder vergleichende deutsch-polnische Schulz-Lektüre der Entschluss gereift sei, eine Neuübertragung zu wagen. Von dem Ergebnis ihrer Arbeit darf man sich erhoffen, dass "Die Zimtläden" in Zukunft einen größeren deutschsprachigen Leserkreis erreichen werden. Doreen Daume hat viele künstliche Hürden für das Verständnis abgebaut und den Text enträtselt, ohne ihn zu entzaubern. So kann der literarische Strom der Gedanken seinen Sog entfalten, und das Alltägliche in den "Zimtläden" gewinnt an Kontur, ohne das der phantastische, nicht selten skurrile Gesamtentwurf an Glanz verliert – im Gegenteil.
Bruno Schulz: Die Zimtläden.
Aus dem Polnischen von Doreen Daume,
Carl Hanser Verlag, 228 S.,
21,50 €,
ISBN: 3446230033
Weitere Lektüre:
Jerzy Ficowski: Bruno Schulz 1892-1942. Ein Künstlerleben in Galizien. Übersetzt und für die deutsche Ausgabe bearbeitet von Friedrich Griese, Carl Hanser Verlag, 185 S., 19,90 €
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