[2008-10-16]STICHWORT: PAPSTWAHL 1978

Autor: Redaktion

Es ist ein Pole! E`un Polacco! Hörte man am 16. Oktober 1978 auf dem Petersplatz die Menge raunen. Der polnische Kardinal Wojtyła wurde zum 264. Papst in der Kirchengeschichte gewählt – der erste Nichtitaliener seit dem 16. Jahrhundert. Eine Sensation.

Am 6. August 1978 um 21:40 Uhr stirbt Paul VI. Wie 111 Kardinäle aus aller Welt fährt auch der Krakauer Kardinal Wojtyła nach Rom. Als wahrscheinliche Nachfolger gelten die drei italienische Kardinäle Baggio, Benelli, Bartoli. Nach nur vier Wahlgängen steht bereits am 26. August um 16 Uhr der Nachfolger Paul VI fest: Johannes Paul I. Nach der Wahl von Albino Luciani zum Papst ahnt niemand, dass er als der „lächelnde Papst“ der Kirche nur 33 Tage vorstehen wird. Sein Tod am 28. September 1978 kommt derart unerwartet, dass sogleich Gerüchte über einen Giftmord kursieren. Nervöse Spannung herrscht, als sich die Purpurträger im Oktober erneut zur Papstwahl im Vatikan treffen. Wie schon im August sind 111 Kardinäle wahlberechtigt. Darunter befinden sich 27 Italiener und 56 Nichteuropäer. Ob Kardinal Wojtyła vor Beginn des Konklaves vom Oktober 1978 ahnt, was ihm die Zukunft bringen wird? Er wird während des Interregnums manchmal als Kandidat genannt.

Patt zwischen den Italienern Siri und Benelli
Bei den Vorbesprechungen zeichnet sich ein Wettstreit zwischen dem erzkonservativen Giuseppe Siri und dem gemäßigt fortschrittlichen Giovanni Benelli ab. In den Besprechungen der Kardinäle vor Beginn des Konklaves sondiert der Wiener Kardinal Franz König das Terrain für seinen Favoriten Karol Wojtyła. Eines Abends spricht er mit dem polnischen Primas Stefan Wyszyński und deutet an, dass auch Polen einen „papabilen“ Kandidaten habe. Wyszyński bezieht dies auf sich selbst und lehnt ab: „Wenn ich nach Rom ginge, wäre dies ein Triumph für die Kommunisten.“ Darauf entgegnet der Wiener Erzbischof: „Es gibt da noch einen anderen Mann.“ Der Primas antwortet: „Nein, das kommt nicht in Frage. Er ist nicht bekannt genug und im übrigen auch ein wenig jung!“ Die Wahl beginnt am 15. Oktober.

Bei den ersten vier Abstimmungen bleiben sowohl Siri als auch Benelli weit unter der erforderlichen Zweidrittelmehrheit. Das Patt zwischen den beiden italienischen Kandidaten erzeugt Ratlosigkeit. Das nutzt der Wiener Kardinal Franz König aus. In Gesprächen mit Amtsbrüdern aus verschiedenen Ländern wirbt er für einen nichtitalienischen Papst, nämlich Karol Wojtyła – mit Erfolg. Im sechsten Wahlgang in der „Sixtina“ steigt die Stimmenzahl für Karol Wojtyła sprunghaft an. In Folge dessen wirkt er so angespannt, dass sich manche seiner Befürworter sorgen, er würde eine Wahl zum Pontifex maximus ablehnen. Kurz darauf sieht man Wojtyła im Gespräch mit Wyszyński. Er bat den Krakauer Kardinal: „Wenn Sie gewählt werden, dann müssen Sie akzeptieren. Für Polen!“

Der erste nichtitalienische Papst seit 455 Jahren
Im achten und letzten Wahlgang erhält der Krakauer Kardinal 99 von 111 Stimmen. Über 100.000 Gläubige harren am frühen Abend des 16. Oktober 1978 auf dem Petersplatz aus, um das Ergebnis der Papstwahl zu erfahren. Schließlich erscheint gegen 18 Uhr Kardinal Pericle Felici auf der Loggia, dem kleinen Balkon des Doms, und verkündet: „Annuntio vobis gaudium magnum habemus papam Carolum Wojtyla!“ Der Name klingt so fremdartig, dass viele zunächst glauben: es müsse sich bei diesem Papst um einen Afrikaner handeln. Dann verbreitet sich wie ein Lauffeuer die Nachricht: „E`un Polacco!“ Der 58- jährige Karol Wojtyła wird der erste nichtitalienische Papst seit dem Holländer Hadrian VI., der von 1522 bis 1523 regierte. Bereits um 18:43 Uhr erscheint ein Extrablatt des „Osservatore Romano“ mit der Schlagzeile: „Habemus Papam Carolum Wojtyla, qui sibi nomen impsuit Joannes Paul II. (Secundi).“

Den Namen Johannes Paul II. hatte er gewählt, um seine Verpflichtung gegenüber dem Vermächtnis von Johannes XXIII. bzw. Paul VI. und seine Sympathie für seinen direkten Vorgänger auszudrücken. Um 19:42 Uhr spricht der frisch gewählt Papst zum ersten Mal zur Weltöffentlichkeit: „Im Glaubensgehorsam gegenüber Christus, meinem Herrn, und im Vertrauen auf die Mutter Christi nehme ich ungeachtet der großen Schwierigkeiten die Wahl an.“ Niemand ahnt welche historische Persönlichkeit, an diesem Tag die Weltbühne betreten hatte.


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