[2008-10-27]STICHWORT: WARSCHAUER METRO

Autor: Redaktion

„Was lange währt, wird gut“, dürfte sich jeder Fahrgast der Warschauer Metro sagen, wenn er an der Station „Plac Wilsona“ den Untergrund der Hauptstadt betritt und um die Geschichte der hiesigen U-Bahn weiß. Lang musste der Warschauer auf seine Untergrundbahn warten. Doch nun besticht besonders die Station im Norden der Stadt durch modernste Architektur, die mit ihrem Licht- und Farbenspiel den stolzen Geist der Goldenen Zwanziger in die polnische Metropole zurückholt.

 

Dass Warschau reif für eine Untergrundbahn war, stellte sich zu eben jener Zeit heraus. Die Stadtoberen ließen 1925 erste Studien durchführen, zwei Linien wurden geplant, doch der Zweite Weltkrieg machte einen Bau unmöglich. Der Wiederaufbau des in Trümmern liegenden Warschaus bot abermals Gelegenheit, über den Bau einer Metro nachzudenken, doch auch in den 50er Jahren scheiterte der Plan – an wirtschaftlichen und technischen Schwierigkeiten, wie es heißt. Eine Komplettüberarbeitung der Planung in den 60er Jahren wurde danach ebenso wenig umgesetzt. Erst 1981 war es so weit. In Kooperation mit der Sowjetunion konnten die Bauarbeiten am 15. April 1983 beginnen. Doch Polens Geschichte der 80er Jahre ist bekannt. Die eklatante wirtschaftliche Lage ließ den Bau bald ins Stocken geraten. Zudem musste die Linie aus Kostengründen mit zwei Stationen weniger auskommen und so kann man bis heute nicht am „Plac Konstytucji“ und in „Muranów“ aussteigen.

Die große Stunde der Eröffnung schlug erst nach Polens politischer Wende. Seit dem 7. April 1995 verkehrt die blaue Linie 1 der „Metro Warszawski“ auf der Strecke „Kabaty“ – „Politechnika“. Auf die feierliche Eröffnung folgten mehrere Verlängerungen der Strecke in Richtung des Zentrums und der nördlichen Stadtteile. Die 120 Meter langen Züge sowjetischer und französischer Bauart halten nunmehr an den Stationen „Centrum“ (1998), „Ratusz“ (2001), „Plac Wilsona“ (2005), „Marymont“ (2006) und seit dem 25. Oktober die drei letzten Haltestellen Stare Bielany, Wawrzyszew und M³ociny  im nördlichen Stadtteil „¯oliborz“. Nun kann das nächste Großprojekt beginnen: die rote Linie 2 von „Ursus“ im Westen Warschaus unter Linie 1 und der Weichsel hindurch in den tiefen Osten Pragas.

Als entscheidender Bestandteil des öffentlichen Verkehrsnetzes ist die Wichtigkeit der einzigen polnischen Metro kaum zu unterschätzen. In der boomenden Hauptstadt wachsen die vorgelagerten Wohnstädte permanent. Damit einher geht eine immer größere Zahl täglich pendelnder Einwohner. Während 1995 20 Millionen Warschauer unterirdisch unterwegs waren, fuhren 2006 schon 106 Millionen mit dem schnellsten Verkehrsmittel der Stadt. Das überlastete Straßennetz ist bisher nicht ausreichend ausgebaut, um den wachsenden Andrang zu bewältigen. Und das spüren im Moment vor allem jene Pendler, die im Osten und Westen Warschaus leben. Hier funktioniert der öffentliche Nahverkehr mit Bussen und Straßenbahnen – und mit der entsprechenden Geschwindigkeit. Doch Besserung ist in Aussicht. 2016 soll es soweit sein.

Doch um sich auch jetzt schon im Untergrund wie zu Hause zu fühlen, bietet die U-Bahn ein besonderes Schmankerl. Wer polnisches Fernsehen mit seinem Lektorensystem für ausländische Filme kennt [eine Art Synchronisierung für alle Schauspieler durch eine einzige Person], wird auch die Stimme von Ksawery Jasieñski im Ohr haben. Sein charakteristisches Sprechen verbindet sicherlich jeder polnische Fernsehzuschauer mit einer persönlichen Erinnerung – und nun spricht genau er die Ansagen in der Bahn. Das ist doch eine kleine Freude an jedem Morgen, wenn Jasieñski am Abend zuvor noch den letzten Liebesfilm mit Szenen aus der Pariser „Métropolitain“ oder den Blockbuster aus der Londoner „Tube“ übersetzt hat.

Dies sollen bis 2016 noch wesentlich mehr Warschauer genießen können. Bis dahin – so die aktuelle Prognose – verfügt der Warschauer Untergrundexpress über eine zweite Linie. Streckenverlauf und Stationen sind bereits genau geplant. Von Westen aus beginnt der Tunnel in „Ursus“, führt über „Wola“, vorbei an der „Aleja Jana Paw³a II“ zur Umsteigestation „¦wiêtokrzyska”. Weiter geht die Fahrt zu Warschaus Hauptflaniermeile „Nowy ¦wiat”, unter der Weichsel hindurch zum bis dahin längst eingeweihten neuen Nationalstadion und ins stark bevölkerte Praga, wo sich die Linie in einen nördlichen und südlichen Ast teilen wird. Der für dieses Jahr vorgesehene erste Spatenstich lässt jedoch noch auf sich warten.

Trotzdem zeigt sich, dass der Glanz der Zwischenkriegszeit langsam aber sicher nach Warschau zurückkehrt. Mit zwei Linien, deren Stationen systematisch nach dem Farbkonzept der Architekten Strza³kowska-Ryszka, K³osiewicz, Pañkowski und Blancard gestaltete sind, wird sich die infrastrukturelle Situation der polnischen Hauptstadt verbessern. Mit dieser Kombination aus künstlerischem Einfluss und verkehrstechnischen Investitionen kann Warschau an den Status als berühmte Metropole anknüpfen, den es zu Beginn der ersten Planungen in den 20er Jahren schon einmal hatte.

 

Eigentlich sollte bis zur Fußball-EM 2012 das erste Teilstück der zweiten Linie entstehen, doch die horrenden Kosten von rund 6 Mrd. Z³oty (ca. 1,8 Mrd. Euro) lassen die Stadtoberen zögern. Die erste Auschreibung wurde im Sommer 2008 für ungültig erklärt. Die zweite dauert bis Februar 2009.


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