[2008-10-31]STICHWORT: ALLERHEILIGEN UND ALLERSEELEN

Autor: Redaktion

Eine erste Erwähnung der Allerseelen in Polen stammt aus Breslau, aus dem 12. Jahrhundert. An diesem Tag fanden ausgedehnte Prozessionen an den Friedhöfen statt. Bereits unsere heidnischen Urahnen glaubten, dass in der Nacht zum 1. November die Seelen der Verstorbenen zur Erde zurückkehren. Um ihnen den Weg nach Hause zu zeigen, entfachte man auf den Friedhöfen und auf Wegkreuzungen Feuer. Sie waren der Ursprung der heutigen Grabkerzen.

Zu Hause ließ man Tore und Türen geöffnet, um den Seelen den Weg nicht zu versperren. Auf dem Tisch standen in der Nacht Speisen und Getränke, damit sich die Seelen stärken können. Dieser Brauch ist heute noch in der russischen Kirche im Osten Polens verbreitet, allerdings bringt man die Speisen auf den Friedhof und stellt sie auf das Grab. Allerseelen waren mit Beten, Messen, Fasten und Almosengaben erfüllt. Eine wichtige Rolle spielten dabei die Bettler an den Kirchen und Friedhöfen, die für eine milde Gabe Fürbitten für Verstorbene beteten. Ursprünglich bekamen sie dafür ein extra für diesen Zweck gebackenes Brot. Üblich war es, je einen Laib Brot für jeden Verstorbenen aus der Familie zu backen. An Allerheiligen und Allerseelen durfte man nicht arbeiten. Verboten war es, im Ofen zu heizen, da man glaubte, dass der Ofen der Lieblingsplatz der Geister ist. Man sollte auch nicht das Abwaschwasser aus dem Hause hinausbringen und ausschütten, auf die Gefahr hin, eine arme, ums Haus kreisende Seele zu übergießen. In der Sorge, die zu Besuch kommenden Seelen nicht zu verletzen, zu zerdrücken, oder gar zu beleidigen, sah man vom Buttern, Sauerkraut stampfen, Mangeln, Weben und Spinnen lieber ab.



Obwohl viele dieser Praktiken heute in Vergessenheit geraten sind, hat das Fest in Polen nach wie vor eine herausragende Bedeutung. Der 1. November ist ein gesetzlicher Feiertag. Bereits einige Tage vorher werden die Gräber gereinigt und geschmückt. Zur Tradition gehört auch die Pflege der vergessenen Gräber. An Allerheiligen gehen alle Polen auf den Friedhof. Viele nehmen einen langen Weg vom anderen Ende des Landes in Kauf, um an diesem Tag die Gräber Ihrer Nächsten zu besuchen. Dafür werden zusätzliche Züge und Busse bereitgestellt. Um ein Verkehrschaos zu verhindern, regelt die Polizei die Zufahrten zu den Friedhöfen. Neue Parkplätze werden eingerichtet. Da sich an diesem Tag ganz Polen in Bewegung setzt, herrscht ein verstärktes Aufkommen auf allen Straßen. Seit Jahren führt die Polizei die Aktion "Znicz" (Grabkerze) durch und versucht durch Präsenz und Geschwindigkeitskontrollen das Schlimmste zu verhindern. Leider gehört die Rückreise statistisch gesehen zu den unfallsreichsten Abenden im Jahr.

Der nationale Gedanke

Allerheiligen und Allerseelen haben in Polen aber noch eine zusätzliche Bedeutung. Es sind Tage, die dem Nationalgedenken gewidmet sind. Auf allen Gräbern der Aufständischen, Soldaten, an Gedenktafeln der Hingerichteten, an namenlosen Waldgräbern der Partisanen brennen Grabkerzen, werden Blumen niedergelegt und Ehrenwachen aufgestellt. An den wichtigsten nationalen Mahnmalen finden Staatsfeierlichkeiten statt. Gleichermaßen leuchten an diesem Tag die Grabkerzen auf den letzten Ruhestätten der herausragenden Polen auf: Dichter, Denker, Künstler. Es sind Zeichen der Dankbarkeit für ihren Beitrag zur polnischen Kultur und der Ausdruck des Glaubens, dass nicht alles stirbt. Ein einmaliges Phänomen lässt sich in der Nacht zum 2. November über den polnischen Friedhöfen beobachten. Von den vielen brennenden Kerzen verfärbt sich der Himmel rot und zeigt von weitem her den Ort an. Seit einigen Jahren kam ein neuer Brauch hinzu. Da aus Geldmangel die Friedhöfe aus staatlichen Mitteln nicht restauriert werden können, sammeln die bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Geldspenden für die Erhaltung und Pflege der historischen Friedhöfe. Es ist eine ehrenvolle Aufgabe, der sich jeder gern stellt.

Der Ideengeber dieser Aktion war Jerzy Waldorff, ein namhafter Musikkritiker, der sich in seinen letzten Jahren vehement dafür eingesetzt hatte, dass die älteste Warschauer Nekropole - der Powązki-Friedhof - ihren alten Glanz wiedererlangte. Er entstand 1790 und wurde 19-mal vergrößert. Heute beträgt seine Fläche 43 ha. Hier fanden die Aufständischen seit dem Kościuszko-Aufstand bis zum Warschauer Aufstand, Schriftsteller, Dichter, Wissenschaftler, Künstler, Ärzte, Bischöfe und viele andere ihre letzte Ruhe. Ihre Zahl beträgt 2,5 Millionen. Im Mausoleum befindet sich die Asche aus den Konzentrationslagern. Der ganze Friedhof steht unter Denkmalschutz. Die anderen Städte übernahmen diese Idee und so gesellt sich zu den alten Bräuchen ein neues Element, das die Tradition erweitert und noch stärker im polnischen Bewusstsein verwurzelt. Gleichvoll verbindet altes und neues Brauchtum dieselbe Intention – durch die Teilnahme an den Feierlichkeiten dieser Tage bewahren wir das Andenken an unsere Verstorbenen.

| INFO |
Das Fest der Allerheiligen hat seinen Ursprung im Kult der christlichen Märtyrer, die für ihren Glauben gestorben sind. Bereits 837 legte Papst Gregor IV. den 1. November als den Gedenktag fest. Die Gläubigen sollten an diesem Tag allen Heiligen gedenken und sich ihr Beispiel vor Augen führen. Entscheidend war aber, dass die Heiligen im Himmel als Vermittler verstanden wurden. Sie konnten sich für die Lebenden einsetzen. Anders gestaltete es sich mit den Verstorbenen, die immer noch im Fegefeuer auf ihre Läuterung warteten. Die noch Lebenden konnten sich für sie durch Messopfer, Gebete und Armseelenspenden bei Gott einsetzen und ihren Einlass ins Paradies erbitten. Um diese zwei Intentionen auseinander zu halten, betete man für jene einen Tag später – am 2. November. Dieses Datum legte im Jahre 998 der Benediktiner Mönch Odilio von Cluny als Allerseelen fest.


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