[2009-02-13]STICHWORT | CZESŁAW NIEMEN

Autor: Redaktion/Paul-Richard Gromnitza

Czesław Niemens Stimme hat ganz Polen gehört, diese unverkennbare Stimme sang über 40 Jahre lang. Über 20 Alben hat Niemen in seiner Karriere veröffentlicht. Niemen stand für Big Beat, Soul, Rock und Jazzrock. Am 16. Februar wäre Polens größte Musiklegende 70 geworden .

"Jeder soll meine Stimme hören, jeder meinen Schrei", sang Niemen in einem Lied des Albums "Sukces" (Erfolg) aus dem Jahr 1968. Und jeder in Polen, wirklich jeder hat seinen Schrei vernommen. Egal wie man ihn nannte, ob "Meister" oder "Denkmal des polnischen Rockes", Niemen war nicht eine Legende, sondern "die" Musiklegende in Polen. Eindrucksvoll ist dies 1999 bestätigt worden. Das polnische Wochenmagazin "Polityka" suchte damals nach den bedeutendsten nationalen und internationalen Künstlern des 20 Jahrhunderts. 60 Prozent (immerhin 5000 von 8000 Befragten) votierten für Niemen. Ganz klar: Das war der Platz Nummer eins zusammen mit den Beatles, als größte internationale Band aller Zeiten.

Ein Wunderkind
Niemen wird am 16. Februar 1939 als Czesław Juliusz Wydrzycki in Stare Wasiliszki (Weißrussland)in den ehemaligen Ostgebieten Polens geboren. Nach 1945 fallen diese an die Sowjetunion. Sein Geburtsort, seine Herkunft und natürlich auch die russische Musik prägen ihn. Seit seiner frühsten Kindheit singt er im Kirchenchor. Das Klavierspielen bringt er sich selber bei und noch einige andere Instrumente. 

1958, also mit 19 Jahren, soll er in der Roten Armee der Sowjetunion den Militärdienst leisten, es gibt nur eine Möglichkeit dem zu entgehen: eine Ausreise, also die Rückkehr nach Polen. Der ganzen Familie gelingt es über Jugoslawien nach Polen zu übersiedeln. Kaum in Polen schreibt er sich an der Musikschule in Danzig ein. Er ist schon zu alt, um in der Klavierklasse zu studieren. Niemen erinnerte sich oft daran: "Von der Kommission hatte nur der Professor der Fagottklasse an mir Interesse. So schaute er sich mein Gebiss an, ob es taugte, um dieses Instrument zu spielen. Dann fragte er: `Wollen sie es mit dem Fagott probieren?´Ich wusste nicht so richtig, was ein Fagott war, und sagte aber zu. So studierte ich drei Jahre Fagott und ich war gar nicht so schlecht."

Zu Beginn: Der Pausenfüller
Seine erste Bühnenerfahrung holt sich Niemen im Danziger Studentenkabarett "Zak" im Duo "To tu". Gemeinsam mit Janusz Krzywicki spielt er ein lateinamerikanisches Repertoire. 1962 - nach seinem Studium - nimmt er in Stettin am Finale des Festivals "Junger Talente" teil und gewinnt haushoch diesen Wettbewerb. Hier lernt er auch das Allroundtalent Franciszek Walicki kennen. Wenn mich jemand entdeckt hat dann Walicki, sagt Niemen. Walicki holt Niemen in die populäre Gruppe "Niebiesko-Czarni". "Ich stieß zu dieser Gruppe als Pausenfüller. Ich ging mit meiner Gitarre auf die Bühne, während sich die Band in der Garderobe ausruhte. Manchmal wurde ich auf Konzerten ausgepfiffen, weil das Publikum meine Stücke nicht ausstehen konnte."

Niemen kommt nicht wirklich an, denn mit Liedern wie "Malaguena" und "El soldado" kann Niemen, ein auf Beat eingestelltes Publikum nicht gerade begeistern. Er wäre wohl ewig ein Pausenfüller geblieben oder wäre früher oder später aus der Band geflogen, wenn er nicht freiwillig eine Zäsur gemacht hätte. Er beginnt den Twist und den Rhytm ‘n blues zu üben. Auf einem Konzert der "Niebiesko-Czarni" Ende 1962 kommt die Gelegenheit sich in diesem Genre zu erproben. Niemen springt für den erkrankten Benk Dornowski ein und singt das Ray Charles-Stück "What’d I say". Das Publikum tobt und Niemen wird volles Mitglied der Gruppe. Ab hier beginnt eine steile Karriere.

Der Hippie Niemen
Schon 1963 bereist er mit den "Niebiesko-Czarni" ganz Europa. Sie treten u.a. im Pariser "Olympia" auf, wo zu dieser Zeit auch der dreizehnjährige Stevie Wonder gastiert. In Polen sind sie ungebrochen populär. Bis 1967 ist Niemen Bandmitglied und nutzt die Popularität, um bei den "Niebiesko-Czarni" seine ersten Lieder zu schreiben. In den 60er Jahren ist das eine Sensation in Polen, denn nur "professionelle" Komponisten dürfen dies. Während der Auslandstourneen lernt auch Niemen auch die Hippiebewegung kennen. Er selbst wird zum polnischen Vorzeige-Hippie, trennt sich von den "Niebiesko-Czarni" und sucht sich neue Mitstreiter. Er findet eine bunte Truppe, die er die "Aquarelle" (Akwarelle) nennt, und die nicht nur so heißen, sondern auch so aussehen. Das missfällt dem sozialistischen Staat und das soll auch Niemen bald zu spüren bekommen. "Als ich anfing, mich in einem Rock’ n Roller zu verwandeln und mich auf der Bühne sehr westlich gab, da begannen die Hetzjagden auf meine Person. Das alles irritierte mich so. dass ich die Idee bekam, den Song "Dziwny jest ten świat" (Sonderbar ist diese Welt) aufzunehmen.

Staatsfeind Nummer Eins
"Sonderbar ist die Welt“, heißt das Lied, das Niemen unvergessen macht und mit dem er das Festival in Opole gewinnt. Es ist auch der Titel seines ersten Soloalbums, das 1967 herauskommt. Auf ihm präsentiert Niemen seine Vorstellung von Soul. Die Musik auf der Scheibe "Sonderbar ist die Welt" ist eine Provokation dem kommunistischen Regime gegenüber, und natürlich auch die bunten, grellen Klamotten, die Niemen und seine Bandmitglieder nicht nur auf der Bühne tragen, sondern auch im grauen sozialistischen Alltag. Niemen entwickelt sich zum Staatsfeind Nr. 1. Die staatliche Kulturbehörde denunziert ihn, aber sie lässt ihn gewähren. Er ist nämlich international auf Festivals ein gutes Aushängeschild für die Volksrepublik Polen und wird im Ausland mit Preisen überhäuft z. B. 1968 in Cannes auf der MIDEM. Aber ein anderer Preis soll ihm die Tür in den Westen öffnen.

Niemen Enigmatic
Über Roman Waszko, den Korrespondenten des amerikanischen Musikmagazins "Billboard", wird das Label CBS auf Niemen aufmerksam. 1968 zeichnet ihn "Billboard" als "Top native artist" aus, zudem ihm CBS einen Plattenvertrag an. Niemen unterschreibt einen Dreijahresvertrag und geht für knapp zwei Jahre nach Mailand. Einen Vertrag mit einem amerikanischen Plattenlabel, das ist natürlich eine Sensation, man willigt ein, wahrscheinlich, weil die Kommunistische Partei froh ist, diesen "Rebellen" los zu werden. In Italien nimmt er u.a. "Sonderbar ist die Welt" auf italienisch auf. Er kann dort aber nicht richtig Fuß fassen, er kehrt nach Polen zurück. Er wendet sich einem neuen Genre zu, dem Jazzrock, er sucht sich neue Musiker und bringt 1970 sein Projekt "Niemen Enigmatic" heraus.

Orgelklänge und Choreinlagen, Niemen Enigmatic ist stellenweise sehr von Kirchenmusik inspiriert -besonders das sechzehnminütige Titelstück. Aber dieses Album offenbart nicht nur den tief religiösen Künstler Niemen, sondern auch den Verehrer der Klassiker polnischer Dichtkunst, vor allem den Bewunderer von Cyprian Kamil Norwid. Norwid, ist seit „Niemen Enigmatic“, ein Dichter, den Niemen immer wieder vertont. Die Platte ist ein überraschender Erfolg, das Titelstück führte 18 Wochen die polnischen Hitparaden an. „Niemen Enigmatic“ ist ein Meilenstein in der polnischen Musikgeschichte und gilt immer noch unangefochten als die "beste polnische Rockplatte aller Zeiten" (Magazin Tylko Rock). Bis heute kommt sie im Polnischunterricht zum Einsatz.

Film- und Fernsehenkomponist
"Niemen Enigmatic" bringt Niemen wieder bei "Polskie Nagrania" heraus, wo die meisten seiner Alben erschienen sind. Für CBS spielt Niemen Anfang der 70er Jahre drei weitere Alben ein: "Strange is this world", "Ode to Venus" und "Mourner’s Rhapsody". "Mourner’s Rhapsody" nimmt Niemen zusammen mit den Mitgliedern der polnischen Gruppe "SBB" in New York auf. 1974 läuft der Vertrag mit CBS aus und beide Seiten verständigen sich darauf diesen nicht zu verlängern. Niemen ist für die Amerikaner zu avantgardistisch und schlecht vermarktbar. Nach dem Flop seines Albums "Ode to Venus" ist Niemen etwas resigniert, spricht sogar davon, nie mehr aufzutreten.

Es scheint ihm damit ernst, er wendet sich dem Film und Theater zu, und schreibt Filmmusiken. Für 17 Filme und Fernsehserien komponiert er die dazugehörige Musik, u.a. für Andrzej Wajdas Film "Wesele" (Die Hochzeit). Doch Niemen nimmt auch weiter Alben auf und beschreitet unbeirrt einen neuen Weg. Kaum ist die erste Filmmusik fertig geschrieben, wird er zum elektronischen Klangexperimentator. Mit den Alben "Katharsis" und "Ideé fixe" bringt er Mitte der 70er Jahre zwei weitere wegweisende Platten heraus. Gerade auf „Katharsis“ ist Niemen mit seinen elektronischen Klängen seiner Zeit weit voraus, ähnlich wie die damalige britische Band "Pink Floyd", an die manche Synthesizerparts auf "Katharsis" erinnern.

Noch vier Alben liegen in den Archiven
1979 erringt Niemen seinen letzten Triumph, zum ersten und letzten Mal startet er beim Festival in Sopot und erringt den Grand Prix. Im gleichen Jahr folgt das schwächere Album "Postskriptum", danach taucht Niemen unter, hier und da lässt er sich auf Nostalgieveranstaltungen der Art "Old Rock Meeting" blicken. 2001 meldet sich Niemen nach langer Abstinenz mit dem Album "Spod chmury kapelusza" (Ein Hut aus Wolken) zurück. Ein großes Comeback bleibt aus, aber 2002 erhält er den polnischen Musikpreis, den Fryderyk, für sein Lebenswerk. Niemen, der in letzen Jahren auch als Zeichner und Grafiker von sich reden machte, hatte laut eigenen Angaben bereits genügend Material für vier weitere Alben. Am 17. Januar 2004 starb Niemen nach einem langen Krebsleiden. Das letzte Album, das er herausbringen wollte, sollte  "Der Traum des Endes und des Anfangs" heißen.

:: Niemen auf Youtube (Dziwny jest ten swiat)


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  • jazZY :: 2009-06-28 19:58:17 :: Add commnet Odpowiedz
    "Strange is this world" und "Ode to Venus" wurden in München vom Reinhold Mack (Led Zeppelin, Queen) mit den mitgliedern der polnischen Supergruppe SBB (www.apostolis.pl) aufgezeichnet. Nachdem sich die Musiker von SBB wieder von Niemen getrennt haben, wurden sie beim nächsten, in New York aufgezeichneten Projekt "Mourner’s Rhapsody" (einer englischsprachigen wiederholung von "Enigmatic") von Mitgliedern der legendären Gruppe Mahavishnu Orchestra ersetzt. Die rolle des Gitarristen übernahm jedoch, statt John McLaughlin, John Abercrombie. Die Welt war jedoch noch nicht reif für derart fortschrittliche Musik. Die Gruppe SBB, der im Jahre 2000 Paul Wertico (langjähriger Mitglied der Pat Metheny Group) beigetreten ist, spielt immer noch live, unter anderem auch den Song "Pilgrim" von Cyprian Kamil Norwid, den sie mit Niemen für CBS aufgezeichnet haben.

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