[2009-07-23]STICHWORT | WITOLD GOMBROWICZ

Autor: Redaktion

Sein Leben resümierend, sagte Gombrowicz einmal, er sei stets die Negation seiner Mitmenschen gewesen und zwar gewollt und fragte: "Wollt ihr, dass euch der Künstler Lesebuchgeschichten schreibt, oder wollt ihr lieber seinen Schmerz, sein Gelächter, seinen Spaß, seine Verzweiflung, seine Niederlage und Demütigung im wahrhaften Ringen mit dem jetzigen Leben mit ansehen?"

Witold Gombrowicz kam am 4. August 1904 in einer traditionsreichen Adelsfamilie zur Welt. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften an der Warschauer Universität arbeitete er als Referendar am Gericht. Bereits damals wurde ihm bewusst, dass er sich zu "keiner Erwerbstätigkeit eignet". 1933 debütierte er mit "Erinnerungen aus der Zeit der Unreife", einem Erzählungsband, der wenig Beachtung in den literarischen Kreisen fand und - provoziert durch den Titel - ihren Autor als unreif abstempelte. In den parodievollen Texten beschäftigte sich Gombrowicz mit der Problematik der Form, die ihn von Anfang an faszinierte. Da Gombrowicz laut eigenen Aussagen im "Testament" (Gespräche mit dem französischen Schriftsteller D. de Roux) nichts mit sich anzufangen wusste und etwas Zeit vor einer Entscheidung fürs Leben gewinnen wollte, fing er an, ein Theaterstück zu schreiben. So entstand "Yvonne, die Burgunderprinzessin", die tragikomische Geschichte eines langweiligen, unappetitlichen, um nicht zu sagen abstoßenden Mädchens, das vom Prinz Philip allen und am meisten wohl sich selbst zum Trotz geehelicht wird. Keine gute Voraussetzung für eine glückliche Ehe. Diese scheitert, ebenso das Theaterstück, das 1935 in einer Literaturzeitschrift zwar publiziert, ansonsten aber von keinem Theater gespielt wird.

Dieser Misserfolg ließ Gombrowicz auf seine selbst deklarierte Unreife schließen. So entschied er sich in einer Art Verteidigungstaktik sie zum Thema seines nächsten Werkes zu wählen. Doch im Verlauf der Arbeit an dem Roman, mit einem nichts bedeutendem Titel "Ferdydurke", entwickelte er sich thematisch immer mehr zum Drama um die menschliche Form, um das schmerzhafte Ringen eines jeden Menschen mit eigener Form, die sich in seinem Verhalten, Fühlen, Denken, Sprechen, Wirken, Glauben, in seinen Ideen und seiner Kultur ausdrückt, mit einem Wort in allem, was ihn nach außen darstellt. In "Ferdydurke" entwickelte und begründete Gombrowicz die berühmte, so genannte "Fresse-Popo-Philosophie". Ihre Grundidee beruht in der Vorstellung, dass die Menschen unentwegt ihnen von der Gesellschaft aufgezwungene Rollen spielen. "Jemandem eine Fresse machen" heißt, ihm eine Maske, eine definierte Haltung aufzuzwingen. Jede angehängte "Fresse" formt uns aber um. Dabei passiert oft, dass wir infantilisiert, verkindlicht – eben "verpuppt" werden. Daher Gombrowicz´s Losung – "Befreit euch von der Form"! Es ist ein großer Traktat über die Nichtauthentizität eines Lebens gemäß der uns aufgezwungenen Formen. Groteskerweise offenbart uns aber der Autor, dass es keinen anderen Weg zu leben gibt ("denn es gibt keine Flucht vor der Fresse, als nur in eine andere Fresse"), denn außer der Form ist nur Chaos. "Ferdydurke" wird 1937 veröffentlicht und von der Literaturkritik erwartungsgemäß taktvoll verschwiegen.

1939 unternahm Gombrowicz kurzentschlossen eine Schiffsreise nach Argentinien. Was als Spaß begann, entwickelte sich unerwartet zum harten Emigrantendasein, den ein Tag nach der Ankunft in Buenos Aires elektrisierte die Welt die Nachricht von deutsch-sowjetischem Pakt. Eine Woche später brach der 2. Weltkrieg aus. Nach eigener Aussage, fühlte sich Gombrowicz psychisch nicht in der Lage, am Kampf teilzunehmen. Er blieb in Argentinien. Mehr schlecht als recht schlug er sich durch, versuchte für die lokalen Zeitungen zu schreiben. Seine materielle Situation war oft so katastrophal, dass er nicht wusste, wo er die kommende Nacht verbringt, was er essen wird. Doch in das kommunistische Nachkriegspolen wollte er nicht mehr zurückkehren. 1947 bekam er schließlich eine Stelle in der Banco Polaco. Die Arbeit eines Sekräters, die Gombrowicz vom ganzen Herzen hasste, sicherte ihm aber die Existenz. In dieser Zeit schrieb er das Drama "Die Trauung" und den größten Teil seines Romans "Trans-Atlantik", in dem er satirisch die polnischen National- und Kulturstereotype beschreibt. Sein Appell, sich von den die Persönlichkeit einengenden Mythen zu befreien, bescherte ihm neue Feinde. Im jungen Nachkriegspolen wurde Gombrowicz nicht nur nicht verstanden, sondern auch verboten. Seine Werke publizierte aber kontinuierlich die polnische Exilzeitschrift "Kultura" in Paris. Sie druckte auch von 1953 an bis zu Gombrowiczs Tod sein "Tagebuch".

Nach 24 Jahren des Aufenthaltes in Argentinien, im Alter von 59 Jahren, wurde Gombrowicz im Jahr 1963 als Stipendiat der Ford-Stiftung für ein Jahr nach Westberlin eingeladen. Danach erfüllte er sich einen lang gehegten Wunsch und ging nach Frankreich. Seine finanzielle Lage war nun stabil. Seinen Werken schenkte man Beachtung und Annerkennung. Sie wurden in viele Sprachen übersetzt. Auch in Polen fanden seine Bücher und Theaterstücke endlich Beachtung. 1965 veröffentlichte Gombrowicz seinen letzten Roman, den "Kosmos", für den er 1967 mit dem internationalen Prix Formentor ausgezeichnet wurde. Kurz danach beendete er auch sein berühmtes Drama "Operette".

In Paris lernte Gombrowicz 1964 die junge Kanadierin Rita, die an der Sorbonne studierte, kennen. Aus anfänglicher Neugierde wurde eine tiefe Beziehung, die den Altersunterschied von 35 Jahren nicht störte. Sie heirateten 1968. Rita bekam einen außergewöhnlichen, im Umgang durchaus nicht einfachen und todkranken Mann. Das dennoch glückliche Zusammensein beendete am 25. Juli 1969 sein Tod. Von diesem Zeitpunkt an widmet sich Rita Gombrowicz der Popularisierung seiner Werke. Unermüdlich fährt sie mit Leserreisen um die Welt, nimmt an Begegnungen teil und schreibt über ihren Mann Bücher. Dank ihr wissen wir mehr über einen Schriftsteller, der sich doch immer verstellt hat, der um das Recht auf die Befreiung von der Form kämpfte, und dennoch selbst im Wissen um die Ausweglosigkeit dieses Kampfes die Masken aufsetzte, sich "eine Fresse machen ließ".

"In Abhängigkeit von den Orten, Menschen und Umständen war ich klug oder dumm, primitiv oder raffiniert, schamhaft oder schamlos, kühn oder schüchtern, zynisch oder edelmütig" erzählt Gombrowicz über sich selbst im "Testament". Doch, wie es scheint, steckte in diesem Facettenspiel eine Methode, der Form dennoch zu entkommen. Denn schließlich …"da ich aber zu jedem anders war, weiß niemand wie ich bin".
(Tagebuch 1966)


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