[2009-08-14]STICHWORT | CZES£AW MI£OSZ

Autor: Redaktion | Paul-Richard Gromnitza

In Polen gehörte Czes³aw Mi³osz zusammen mit Zbigniew Herbert und Wis³awa Szymborska zu den drei großen Lyrikern des Landes. Als er 1980 den Literaturnobelpreis verliehen bekam, kannten ihn im Westen nur ganz wenige. Dabei lobte ihn der amerikanische Autor Joseph Brodsky schon lange vorher als "einen der größten Dichter unserer Zeit, wenn nicht sogar den größten".

Zeitlebens verstand sich Czes³aw Mi³osz als litauischer Dichter, der in polnischer Sprache schrieb. Seine Biographie ist immer wieder von Ortswechseln bestimmt worden. In der Fremde, so Mi³osz in einem seiner Gedichte, sei ihm die Sprache zum Vaterland geworden. Aber im hohen Alter ist Czes³aw Mi³osz, der Heimatlose, wie er sich gern bezeichnete, doch noch so etwas wie sesshaft geworden. "Ich tauche immer mehr in die Stadt Krakau ein, fast bin ich schon ein Krakauer", sagte er Ende der 90er, mehrere Jahre nach seiner Übersiedlung in die polnische Metropole.

Geboren wurde Czes³aw Mi³osz am 30. Juni 1911 im litauischen Setainiai nahe der polnischen Grenze als Sohn eines Diplom-Ingenieurs. Sein Vater Aleksander diente während des Ersten Weltkriegs in der russischen Armee. Intellektuell geprägt wurde Mi³osz durch das multikulturelle Vilnius. Dreisprachig (Polnisch, Litauisch und Russisch) wuchs er auf. Immer wieder sollte Mi³osz später in autobiografischen Büchern zu seiner Kindheit im polnisch-litauischen Grenzgebiet zurückkehren, u. a. in dem Roman "Das Tal der Issa" ("Dolina Issy").

1921 zog die Familie ins damals polnische Vilnius. 1929 machte er das Abitur und studierte an der dortigen Universität Jura. Noch als Student veröffentlichte er 1930 in der Universitätszeitschrift "Alma Mater Vilniensis" seine ersten Gedichte (u. a. "Kompozycja"). Zudem war er Anfang der 30er Jahre Mitbegründer der Zeitschrift und Dichtergruppe "¯agary" (Fackel). Wegen ihrer dunklen apokalyptischen Weltsicht wurden die Mitglieder dieser literarischen Gruppe um Mi³osz auch als "Katastrophisten" genannt. 1934 erschien sein lyrisches Debüt, das "Gedicht von der erkalteten Zeit" ("Poemat o czasie zastyg³ym"). Ein Jahr später begann er als Redakteur beim Rundfunk in Vilnius zu arbeiten. 1940 gelang Mi³osz eine abenteuerliche Flucht aus dem sowjetisch besetzten Vilnius nach Warschau. Dort schrieb er für die Presse der Widerstandsbewegung und verfasste illegale Schriften.

Campo de' Fiori
Den ersten Höhepunkt erreichte die Lyrik von Mi³osz während der deutschen Besatzung Polens. Als sich die Juden 1943 im Warschauer Ghetto gegen die Deportation in die Gaskammern wehrten, da schrieb Mi³osz sein wohl berühmtestes Gedicht: "Campo de' Fiori". 1940/1941 verlegte Mi³osz zusammen mit Jerzy Andrzejewski die erste unabhängige literarische Zeitschrift. 1945 zählten Mi³osz' gesammelte Gedichte unter dem Titel "Ocalenie" ("Rettung") zu den ersten in der Volksrepublik Polen veröffentlichten Büchern. Im selben Jahr trat er ins Außenministerium ein. In den folgenden Jahren war er Kulturattaché in Washington und dann Erster Sekretär der polnischen Botschaft in Paris.

Der du dem einfachen Menschen Unrecht/ Getan hast und darüber noch lachst/ (...) Sei nicht so sicher. Der Dichter merkt es./ Du kannst ihn töten - es kommt ein neuer."
Czes³aw Mi³osz' Worte auf dem Solidarno¶æ-Denkmal in Danzig

Exil in Paris
Obwohl im diplomatischen Dienst, blieb Mi³osz dem kommunistischen Polen gegenüber zurückhaltend und skeptisch. 1951 tauchte sein Name in allen westlichen Zeitungen auf, denn er hatte sich wegen der zunehmenden Stalinisierung Polens entschlossen, im Westen zu bleiben. Mi³osz hatte, wie es damals in den Meldungen hieß, "die Freiheit gewählt". Er emigrierte nach Paris und arbeitete dort in den folgenden Jahren im polnischen Exilverlag "Instytut Literacki". Regelmäßig schrieb er auch für das verlagseigene Magazin "Kultura". International bekannt wurde Mi³osz mit dem Werk "Verführtes Denken" ("Zniewolony umys³") von 1953, einer Studie über die Lage der Intellektuellen im stalinistischen Polen. Das Buch ging der Frage nach, wie ein denkender Mensch in der kommunistischen Welt leben konnte und wie er sich den Verhältnissen anpasste. 1960 wurde Mi³osz von der University of California in Berkeley als Gastprofessor eingeladen und blieb anschließend in den USA. Noch im gleichen Jahr erhielt er in Berkeley eine Professor für slawistische Sprachen und Literatur. 1978 wurde er, der seit 1970 die amerikanische Staatsbürgerschaft besaß, emeritiert.

Nobelpreis 1980
In den 60er und 70er Jahren erreichte Mi³osz internationale Beachtung als Essayist und Übersetzer englischer, amerikanischer und französischer Literatur. U. a. übertrug er Shakespeare, Eliot, Whitman und Baudelaire ins Polnische und umgekehrt polnische Lyrik ins Englische. Unter dem Einfluss der amerikanischen Lyrik wurde sein Schreibstil einfacher, dichter und lockerer. Die neue stilistische Unbekümmertheit ist in den späten Sammlungen "Hymne von der Perle" (1982) oder "Chroniken" (1988) dokumentiert. 30 Jahre lang durften Mi³osz' Werke nicht in Polen erscheinen. Der gegen ihn gerichteten Bann wurde erst 1980 aufgehoben, als er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Das Nobel-Komitee würdigte insbesondere den bis dahin vielen Lesern unbekannten Lyriker Czes³aw Mi³osz. Er sei ein Autor, "der mit kompromisslosem Scharfblick der exponierten Situation des Menschen in einer Welt von schweren Konflikten Ausdruck verleiht", teilte die Jury in ihrer Urteilsbegründung mit. Die Stockholmer Entscheidung wurde in den Ostblock-Staaten in erster Linie politisch ausgelegt. 1981 reiste Mi³osz erstmals nach rund 30 Jahren wieder in seine polnische Heimat. 1989 kam er ein zweites Mal nach Polen, um die Ehrendoktorwürde der Jagiellonen-Universität in Krakau entgegenzunehmen.

Alterssitz Krakau
Seit 1995 lebte Czes³aw Mi³osz ständig in Krakau. In den letzten Lebensjahren wandte sich sein Denken einem konservativen Katholizismus zu. So verfasste er 2000 eine "Ode zum 80. Geburtstag Johannes Paul II." und empfahl das Studium der päpstlichen Enzykliken, da diese ernsthaftere Kunstwerke "als die erdrückende Mehrheit der so genannten Literatur" darstellten. Nach dem Tod seiner zweiten Frau Carol Thigpen 2002 hatte sich der hochbetagte und beinahe taube Mi³osz fast gänzlich zurückgezogen. Unzählige Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden hatte Mi³osz in seinem Leben erhalten, doch am meisten freute er sich über die Ehrenbürgerschaft seiner litauischen Heimatstadt, weil es so unwahrscheinlich gewesen sei, diese zu erhalten. Am 14. August starb er in Krakau.


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