[2009-09-18]STICHWORT | STANISŁAW IGNACY WITKIEWICZ

Autor: Redaktion

Von den einen als "Irrer aus Zakopane" beschimpft, von den anderen als Genie bezeichnet, ließ Stanisław Ignacy Witkiewicz keinen seiner Zeitgenossen gleichgültig. Heute sehen wir, wie weit er seiner Zeit voraus war.

Ein Skandal nach dem anderen begleitete das Leben von Stanisław Ignacy Witkiewicz. Den ersten gab es gleich zu Lebensbeginn, denn nur auf massiven Druck der gesamten Familie entschlossen sich seine Eltern, den am 24. Februar 1885 geborenen Sohn zu taufen. Als Pateneltern bekam das Kind aber keine geringeren als die bekannte Schauspielerin Helena Modrzejewska und den großen Märchenerzähler Jan Krzeptowski, genannt "Sabała". War dies vielleicht ein Omen, das Witkiewiczs Talente und Lebensstil vorbestimmen sollte? In Zakopane aufwachsend besuchte der kleine Stanisław keine Schule, denn sein Vater, der berühmte Stanisław Witkiewicz, Maler, Literaturkritiker und Architekt, war der Meinung, diese Einrichtung würde nur die Horizonte verengen. Sein Sohn aber sollte "die volle Entwicklung seiner Seele erfahren". Zutiefst verletzt zeigte sich folglich der Vater, als sich der Sprössling 1905 an der Krakauer Kunstakademie immatrikulierte.

1910 erschütterte die Nachricht von einer Affäre zwischen Witkiewicz und der Schauspielerin Irena Solska die feine Gesellschaft. Die Beziehung fruchtete aber in einem ersten Roman "622 Stürze des Bung oder Das dämonische Weib". 1914 machte der nächste Skandal die Runde, als Jadwiga Janczewska, Witkiewiczs Verlobte, Selbstmord beging. Vor Anschuldigungen flüchtend, reiste Witkiewicz nach Australien, wo er als Zeichner und Fotograf eine anthropologische Expedition begleitete. Dort überraschte ihn die Nachricht vom Ausbruch des 1. Weltkrieges. Daraufhin ging er nach Petersburg und diente in dem elitären Pawlowskij-Regiment. In Russland erlebte er auch die Oktoberrevolution. Die eigenen traumatischen Erlebnisse aus dieser Zeit waren prägend für die Herausbildung seiner philosophischen und künstlerischen Auffassungen. Witkiewicz verarbeitete sie literarisch in den Romanen "Abschied vom Herbst" (1927) und "Unersättlichkeit" (1930) sowie im Drama "Die Schuster" (1934).

Die Theorie der Reinen Form
Zurück in Polen schloss sich S.I.Witkiewicz einer als "Formisten" bezeichneten Malergruppe an. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich künstlerisch nicht isoliert. Um sich von seinem verstorbenen Vater zu unterscheiden, signierte er von nun an seine Werke mit "Witkacy". 1918 brachte er mit den Skizzen "Neue Formen in der Malerei" und "Einführung in die Theorie der Reinen Form des Theaters" seine Ästhetik zu Papier. Ihr Schlüsselbegriff ist die "Reine Form", die Witkacy als die äußere und unabhängige, sich aus nicht realen Elementen zusammensetzende Schicht eines jeden Kunstwerkes bezeichnet. Die Einführung von phantastischen, ja absurden Elementen und der Verzicht auf alle bisher geltenden Regel haben zum Ziel, den Kunstempfänger in das Geschehen mit einzubeziehen und ihm die Möglichkeit geben, "die metaphysische Seltsamkeit" des eigenen Daseins zu erleben. Durch die existenzielle Beunruhigung gelangt man zur Reflexion über den Verlust von Glauben, Liebe, Kultur, ja der Menschlichkeit schlechthin und somit zum Geheimnis der Existenz. Dank der Reinen Form offenbart sich uns das Kunstwerk in seiner absoluten Bedeutung und gibt damit Antwort auf die grundlegende Frage: "Warum bin ich?".

Die Philosophie über alles
Witkacy bezeichnete sich selbst als Philosoph. Und nur die Beschäftigung auf diesem Gebiet nahm er ernst. Er schuf sein eigenes Philosophiesystem, das man oft durch die Bezeichnung "Katastrophismus" vereinfacht. Dessen Grundlagen prägte in bedeutendem Maße die Revolution in Russland und die daraus resultierende Überzeugung, dass der Kommunismus die jedem Menschen natürlich beiwohnende Metaphysik tötet. Witkacys düstere, katastrophische Sicht auf die Zukunft der Menschheit gründet sich auf der immer größeren Trennung der Kunst und Philosophie von der Religion, die der Kommunismus endgültig beseitigen würde. An seinen philosophischen Werken feilte Witkiewicz lange. Die literarischen dagegen entstanden in Blitzaktionen. Er schrieb viel und schnell, mehr unter dem Eindruck einer Idee, die er festhalten wollte, als aus tiefen Überlegungen. Der Großteil der Dramen entstand in der ersten Hälfte der 20er Jahre. (Allein 1920 waren es 10!) Täglich konnte er einige zehn druckreife Seiten "produzieren", die sich durch eine meisterhafte Sprache auszeichneten.

1922 heiratete Witkiewicz Jadwiga von Unrug, die Enkelin des legendären polnischen Malers Juliusz Kossak. Eine fürs Getuschel wie geschaffene Ehe, denn die Frau wohnte in Warschau, der Mann aber in Zakopane. Dort gründete er die Firma "S. I. Witkiewicz" – ein Porträt-Atelier. Obwohl er diese Tätigkeit sehr herablassend betrachtete - sie diente nur dem "Broterwerb" – war das Unternehmen mehr als erfolgreich. Witkacys Bilder erwiesen sich immer als Überraschung, von der momentanen Laune und der Einstellung des Malers gegenüber seinem Modell abhängig. So mussten die Auftraggeber nicht selten mehr oder weniger provokative, deformierte oder mit Kommentaren im Hintergrund versehene Bildnisse in Kauf nehmen. Nichtsdestoweniger breitete sich eine wahre "Mode" mit Porträts von Witkacy aus: jeder, der etwas auf sich hielt und sich dies leisten konnte, bestellte bei ihm ein Porträt. So porträtierte Witkacy fast ganz Polen: die Unternehmer, die Aristokratie, sogar den Marschall Piłsudski. Paradoxerweise zählen heute eben diese Porträts zu seinen wertvollsten malerischen Werken.

Das Theaterstück sah Witkacy als die wohl die geeigneteste künstlerische Form zur Umsetzung seiner Theorie der Reinen Form. Obwohl seine Dramen in den Theatern professionell aufgeführt wurden, bekamen sie vernichtende Kritiken und fast jede Aufführung endete mit einem Skandal. "Man hat den Eindruck, den Fieberwahn eines Syphilitikers in der letzten Phase seiner schleichenden Paralyse zu sehen und zu hören … Das Stück ist ein totaler Unsinn, eine unnatürliche klinische Fehlgeburt, die in Alkohol gelegt von Psychopathologen studiert werden sollte." – schrieb man nach der Premiere von "Tumor Hirnowitsch". Witkacy machte es seinen Mitmenschen auch wirklich nicht leicht. Allgemein bekannt war die Tatsache, dass er zu Experimentierzwecken unter der Einwirkung von Drogen arbeitete. Seine Erfahrungen auf diesem Gebiet veröffentlichte er 1932 in einem Traktat "Nikotin, Alkohol, Kokain, Peyotl, Morphin, Äther".

Ende August 1939 fuhr Witkacy zu seiner Frau nach Warschau, ordnete und versteckte seine Manuskripte und Bilder. Nach dem Kriegsausbruch meldete er sich bei der Mobilmachung, wurde jedoch wegen seines Alters (54 Jahre) und schwacher Gesundheit nicht genommen. So verließ er zusammen mit seiner jahrelangen Geliebten Czesława Oknińska und einigen Freunden die Hauptstadt in Richtung Osten. Am 18. September erreichte ihn in Jeziory (heutige Ukraine) die Nachricht von dem sowjetischen Überfall auf Polen. Die katastrophische Vision von dem Ungeheuer Kommunismus schien reale Züge anzunehmen. Die Vorstellung von der kommenden Welt wurde mehr als unerträglich. Eine Überdosis Schlaftabletten und durchgeschnittene Venen halfen bei der Flucht. Er schaffte es vor den Russen.

Zu seinen Lebzeiten hatte S.I.Witkiewicz mehr Gegner als Freunde. Man akzeptierte nicht seinen ausgefallenen Lebensstil, seine literarischen Werke bezeichnete man als "minderwertige Ausbrut eines Schreibwütigen" und die Bilder als Klexerei. Ohne Zweifel war er ein großer Individualist, ein Sonderling, ein launiger Grobian. Er hatte aber auch Freunde, die seine Intelligenz, das Talent und die schöpferische Unruhe schätzten. Czesław Miłosz sagte einmal, Witkiewiczs Pech war es, in Polnisch geschrieben zu haben. Wäre er Franzose gewesen, hätte er zu den herausragendsten Denkern seiner Zeit gehört. Die sterblichen Überreste des Künstlers wurden erst 1988 nach Polen überführt und auf dem Friedhof in Zakopane, im Grab seiner Mutter, bestattet. Doch selbst nach dem Tod wollten die Skandale nicht von ihrem Wohltäter lassen, denn schon bald nach dem Begräbnis stellte man fest, dass es sich bei den Gebeinen gar nicht um die des Künstlers handelte.


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