 |
 |
Autor: Krzysztof Burnetko
An Marek Edelman erinnert der Autor seiner Biographie Krzysztof Burnetko.
„Von jeher tue ich nichts anderes, als über menschliches Leben zu entscheiden”, sagte er oft. Tatsächlich: Zuerst musste er im Warschauer Ghetto entscheiden, wen von seinen Freunden er, wenn sich die Möglichkeit bot, vom Umschlagplatz zurückholte, also zumindest für eine gewisse Zeit vor dem Tod rettete. Als Kommandant des Ghettoaufstands war er für das Leben seiner Untergebenen verantwortlich. Und später, als Arzt, wandte er viele Male innovative Therapien bei anscheinend hoffnungslosen Fällen an. „Wenn fünf von zehn Kranken überlebten, war das schon ein Erfolg. Wären wir das Risiko nicht eingegangen, wären alle gestorben“, erläuterte er. Er schwor, keinem Kranken begegnet zu sein, der hätte sterben wollen: „Jeder möchte noch einmal seine geliebte Enkelin oder wenigstens die Sonne sehen.“ Kein Wunder, dass er ein entschiedener Gegner der Euthanasie war. Wenn er nicht mehr helfen konnte, bemühte er sich, seine Patienten beim Sterben zu begleiten. Und jungen Ärzten empfahl er: „Manchmal ist es wichtiger, einem Kranken die Hand zu halten, als ihm die kalten Elektroden medizinischer Apparate anzulegen.“
Noch auf eine weitere Art entschied er über menschliches Leben. Hanna Krall, dank deren Buch „Zdążyć przed Panem Bogiem“ [deutsche Ausgaben: Dem Herrgott zuvorkommen (1979) und Schneller als der liebe Gott (1980)] Edelmans Name im öffentlichen Bewusstsein zu einem Begriff wurde, bekannte, wenn sie nicht wisse, wie sie sich verhalten solle, dann gehe sie zu Edelman. Auch Jacek Kuroń, Andrzej Wajda und viele andere gingen zu ihm.
Pathos konnte er nicht ertragen. Ausgerechnet er – einer der Anführer des Ghettoaufstands – deutete an, dass man von einem Aufstand in Wahrheit kaum sprechen könne. „Ein Aufstand ist es dann, wenn man irgendein Ziel hat und zumindest eine Hoffnung zu siegen. Uns ging es darum, den noch im Ghetto verbliebenen Menschen das Leben ein bisschen zu verlängern. Man wusste, dass es nicht für immer war. Und dass wir keine Chancen hatten, zu siegen“, argumentierte er.
Wenn jemand große Worte gebrauchte, rief er ihn zur Ordnung: „Das ist Gefühlsduselei“, warf er dann ein. Und die Besuche der Scharen von Journalisten, die sich vor jedem Jahrestag des April 1943 um ein Interview mit ihm bemühten, quittierte er mit den Worten: „Das ist der Höhepunkt der Saison.“
Zugleich aber fuhr er über mehr als ein halbes Jahrhundert dennoch an jedem 19. April zum Denkmal für die Helden des Ghettos und zum Bunker in der Miłastraße (mit einer einzigen Ausnahme im Jahr 1983, als die Behörden der Volksrepublik Polen ihn unter Hausarrest stellten - als Vergeltung für seine Weigerung, an den offiziellen Feierlichkeiten teilzunehmen, die von derselben Equipe veranstaltet wurden, die damals die „Solidarność“ unterdrückte). Lange fuhr er allein hin, oder nur mit seinem Sohn. Später mit einer Handvoll Freunden, erst zuletzt in einem größeren Kreis. Er erklärte: „Das ist eine Sache der Erinnerung. Es gibt dir das Gefühl, dass die Ereignisse und die Menschen, denen du verbunden bist, nicht völlig vergangen sind. Schließlich tust du das nicht für die, die nicht mehr leben, sondern für dich selbst. Und manchmal auch, damit andere nicht denken, dass sie Dinge aus der Geschichte ausradiert haben, die du für wichtig hältst.“
Er wies auch jene zurecht, die suggerierten, nur die Juden seien würdig gestorben, die mit der Waffe in der Hand fielen, während die Übrigen wie Lämmer zur Schlachtbank gingen. Er betonte, dass man an die Situation der Shoah nicht moralische Maßstäbe, die aus anderen Zeiten stammen, anlegen dürfe. „Willst du der Richter sein?“, fragte er, wenn jemand versuchte, leichtfertig die Tochter zu verdammen, die ihre Mutter verleugnete, um der Deportation zu entgehen, oder den Chef der jüdischen Polizei, der kollaborierte, um seinen Sohn zu retten.
Konsequent wurde er jedoch denen gerecht, die sich in schwierigen Situationen anständig zu verhalten wussten. Und er wiederholte immer wieder, dass die Gleichgültigen mitunter zu Mittätern werden: „Wenn du dem Bösen zusiehst und ihm den Rücken zukehrst – oder nicht hilfst, wenn du helfen kannst, dann wirst du mitverantwortlich.“ Auf die Frage, ob man Heroismus einfordern könne, antwortete er: „Das ist kein Heroismus, das ist Anstand.“ Er betonte, dass das Ghetto nicht allein aus Tod, Hunger und Angst bestand. Dass es in ihm auch Liebe gab: „Einsam hätte es niemand überstanden. Ohne die Möglichkeit, sich an jemanden anzuschmiegen, einen Rückhalt in ihm zu finden.“
„Edelman passt nicht in diese Welt der Bequemlichkeit, der schönen Gesten und netten Worte”, hat Lech Wałęsa einmal geschrieben. In der Tat. Er lehrte unabhängiges Denken. Politikern hielt er Konjunkturalismus und Feigheit vor: mal dem Kanzler des sich vereinigenden Deutschland, mal den Staatsführern Israels, mal einem weiteren polnischen Präsidenten. Aber auch Freunden aus der Opposition und Ärztekollegen. Oder kirchlichen Würdenträgern.
Im Einklang mit den Grundsätzen des Bundes, der jüdischen antikommunistischen Linken, stand er Schwächeren und Schikanierten bei – gleich, wer sie waren. Er protestierte gegen den Abriss der Roma-Slums in Warschau mit Bulldozern. Einer Lehrerin in Białystok, die wegen ihres Unterrichts über den Holocaust von örtlichen Neofaschisten drangsaliert wurde, schickte er einen Unterstützungsbrief. Er bürgte öffentlich für Kollegen aus dem Lodzer Untergrund, die unter falschen Anschuldigungen von der Staatsanwaltschaft bedrängt oder von Mitarbeitern des IPN der Stasi-Zusammenarbeit bezichtigt wurden. Während des Balkankonflikts mahnte er das Los der Zivilbevölkerung an. Als Resultat berief sich Bill Clinton auf seinen Appell, als er die Intervention der NATO im Kosovo begründete.
Die größte gegenwärtige Gefahr sah er im Schüren von Hass und Angst zu politischen Zwecken. Deshalb hielt er die Zeit „dieser Pseudo-Vierten Republik“ für die Schlimmste nach 1989. Denn das freie Polen selbst betrachtete er als großen Erfolg.
Insbesondere warnte er vor einem Rückfall in Chauvinismus. Viele Male – vor und während des Krieges, in der Zeit Volkspolens und der Dritten Republik – erlebt, wie leicht sich in Polen antisemitische Stimmungen wecken lassen. Doch er protestierte, als jemand die Polen in toto der Abneigung gegen Juden bezichtigte. Er versicherte: „Antisemit kann jeder sein: ein Deutscher, Franzose oder Pole. Auch ein Jude.“
Während einer der Lektionen „Wie leben?“ [einer Vortrags- und Gesprächsreihe der Offenen Bühne für Konfrontationen in Lublin] fragten Witold Bereś und ich ihn einmal, was man tun müsse, wenn das Leben zu schwer wird. Er entgegnete: „Nicht daran denken. Wenn du weißt, was gut und was schlecht ist, gehst du einfach deinen Weg. Ich habe nie gedacht, dass alles gut wird. Man will dich töten, dir gelingt aber zu fliehen – und schon geht es gut. Das ist wie in jenem Lied [von Josef Papiernikow]: Es geht nicht darum, auf ein Ziel zuzustreben, es geht darum, auf der Sonnenseite zu gehen. Und Vertrauen zu den Menschen zu haben.“
Er hat uns die Hierarchie der Werte geordnet. Und er ist ein Beweis dafür, wie dumm die Ansicht ist, dass es keine unersetzlichen Menschen gibt.
(Die Zitate stammen auf Gesprächen, die ich zusammen mit Witold Bereś in den letzten 20 Jahren das Glück hatte, mit dem Doktor zu führen. Alle haben uns den Kopf möbliert. Einige wurden zur Grundlage für das Buch und den Film „Marek Edelman. Życie. Po prostu“ [deutscher Buchtitel: Marek Edelman erzählt]
______________________________________________________________________________________________
1919-2009
Eine große moralische Autorität ist von uns gegangen. Ein politisch und sozial engagierter Mensch, Oppositioneller, Kardiologe, der letzte der Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto. Sein Leben würde Stoff für mehrere Biographien liefern.
Geboren wurde er in Weißrussland. Diese Tatsache verheimlichte er, um nach dem Krieg einer Repatriierung in die UdSSR zu entgehen. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Warschau. Während des Aufstands im Warschauer Ghetto 1943 war er der Stellvertreter des Kommandanten der Jüdischen Kampforganisation (ŻOB) unter Mordechaj Anielewicz und nach dessen Tod der letzte Befehlshaber der Aufständischen. 1944 kämpfte er mit einer Einheit der ŻOB im Warschauer Aufstand. Im November 1944 wurde er von einem Trupp des Polnischen Roten Kreuzes im Stadtteil Żoliborz gerettet.
1951 schloss er sein Studium an der Medizinischen Hochschule in Łódź ab. Bis 1967 arbeitete er in der Internistischen Klinik der Medizinischen Hochschule, anschließend in der kardiologischen Abteilung der Klinik der Militärischen Medizinischen Akademie sowie in der internistischen Abteilung des M. Madurowicz-Krankenhauses in Łódź.
Seit Mitte der siebziger Jahre unterstützte er die antikommunistische Opposition. Er unterzeichnete den „Brief der 101“ vom 31. Januar 1976 an den Verfassungsausschuss des Sejms gegen den Entwurf zur Änderung der Verfassung der Volksrepublik Polen. Er arbeitete im Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) mit und leistete den Hungerstreikenden medizinische Hilfe, die sich vom 3. bis 10. Oktober 1979 in der Heilig-Kreuz-Kirche in Warschau für die verhafteten Mitglieder der Charta 77 in der Tschechoslowakei einsetzten.
Seit 1980 war er in der Unabhängigen Selbstverwalteten Gewerkschaft „Solidarność“. Nach Verhängung des Kriegszustandes wurde er interniert und in das Gefängnis in Łęczyca verbracht. Er nahm an konspirativen und halböffentlichen Treffen teil, u.a. trat er im Oktober 1982 im Rahmen der Tage Christlicher Kultur in Breslau auf. 1983 verweigerte er den volkspolnischen Behörden seine Mitwirkung im Ehrenkomitee der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto. In einem offenen Brief schrieb er: „Unseren Jahrestag hier zu begehen, wo auf der gesamten Gesellschaft heute die Last der Erniedrigung und Unterjochung liegen, wo Worte und Gesten völlig verfälscht werden, bedeutet, unserem Kampf untreu zu werden, an etwas ihm gänzlich Entgegengesetzten teilzunehmen, ist ein Akt des Zynismus und der Geringschätzung. Ich werde daran nicht teilnehmen – und billige die Teilnahme anderer nicht, woher auch immer sie kommen und womit auch immer sie sich rechtfertigen mögen.“
Er organisierte die „Solidarność” in Łódź und Umgebung. Anlässlich des herannahenden Besuchs von Johannes Paul II. unterzeichnete Edelman am 31. Mai 1987 im Kreis der sich auf Einladung von Lech Wałęsa in Warschau Versammelten eine Erklärung, die die grundlegenden Ziele der polnischen Opposition umriss. Im Dezember 1988 wurde er Mitglied des Bürgerkomitees beim Vorsitzenden der Unabhängigen Selbstverwalteten Gewerkschaft „Solidarność“. Er leitete den Ausschuss für die Zusammenarbeit mit nationalen Minderheiten. An den Beratungen des „Runden Tisches“ nahm er im Unterausschuss für Gesundheitsfragen teil (6. Februar – 5. April 1989). Später engagierte er sich in der Bürgerbewegung - Demokratische Aktion (ROAD), der Demokratischen Union, der Freiheitsunion (u.a. als Mitglied des Politischen Rats) und der Demokratischen Partei.
Seine Geschichte hat Hanna Krall in einem langen Gespräch mit dem Titel „Zdążyć przed Panem Bogiem“ [deutsche Ausgaben: Dem Herrgott zuvorkommen bzw. Schneller als der liebe Gott] niedergeschrieben. Ko-Autor seiner Biographie „Życie. Po prostu“ [deutsche Ausgabe: Marek Edelman erzählt] ist der POLITYKA-Mitarbeiter Krzysztof Burnetko.
Im April 1989 verlieh ihm die Yale University den Ehrendoktortitel. 1998 wurde er mit dem Orden vom Weißen Adler ausgezeichnet. 2000 wurde er Ehrenbürger von Łódź und 2001 von Warschau. Im Oktober 2007 erhielt der die Ehrendoktorwürde der Medizinischen Universität in Łódź. 2008 wurde ihm der Orden eines Kommandeurs der Ehrenlegion - die höchste französische Auszeichnung für herausragende, verdiente Persönlichkeiten - verliehen.
Auf die Frage nach seinem Vaterland antwortete er in dem Buch „Życie. Po prostu“: „Das ist die Wohnung, in der ich lebe, das Haus, vor dem ein Baum steht oder auch nicht, der Hof. Und fünf oder zehn Freunde. Das ist meine Heimat.“
Der Artikel erschien in der Polityka Nr. 41/2009 vom 07.10.2009. Übersetzung Silke Lent | Redaktion: P. Gromnitza | Text als pdf
©
© der deutschen Übersetzung 
|