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Autor: Paul-Richard Gromnitza
Zbigniew Herbert war sich immer seines Wertes als ein international gefeierter Lyriker bewusst und erhob auch deshalb schon mal öffentlich Anspruch auf den Literaturnobelpreis, der ihm aber nie zuerkannt wurde. Politisch hasste er die Kommunisten und die Systeme, die sie etablierten, aber den Traum von einer gerechteren Gesellschaft gab er nie auf.
"Wundert euch nicht, dass wir die Welt nicht beschreiben können / wir nennen die Dinge nur zärtlich beim Namen." Vielleicht war dies so etwas wie das Credo Zbigniew Herberts. Wie seine weltberühmte Figur Pan Cogito kämpfte Herbert gegen die "Ver-Dichtung" der Welt an. Er nannte nämlich die Dinge gern beim Namen und über allem verehrte er Tautologien. Bei Herbert ist der Vogel noch ein Vogel, das Messer darf ein Messer sein und der Tod bleibt der Tod, wie er im Gedicht "Herr Cogito und die Phantasie" feststellte. Doch Herberts Dichtungen sind keineswegs trivial, denn sie erwarten vom Leser profunde Kenntnisse der römischen bzw. griechischen Geschichte und Mythologie.
Geboren wird Zbigniew Herbert am 29. Oktober 1924 in Lviv (Lemberg) in einer großbürgerlichen Familie mit englischen Wurzeln. Als Deutschland 1939 Polen überfällt, taucht der Vater Bolesław, der in der Untergrundarmee kämpft, zeitweise unter. Nach dem Abschluss des Gymnasiums studiert Herbert ab 1943 in Lemberg Polonistik. 1944 übersiedelt er nach Krakau, wo er Malerei, aber auch Jura, Ökonomie, Philosophie und Kunstgeschichte studiert. Das Kunststudium bricht er wegen Talentmangels jedoch bald ab. Ab 1950 studiert er in Warschau Philosophie. Im selben Jahr debütiert er im Magazin "Dziś i jutro" (Heute und morgen). Bis 1953 veröffentlicht er regelmäßig unter den Pseudonymen Patryk und Stefan Martha. Herbert, den der Zweite Weltkrieg und dann der Stalinismus nach eigenem Bekunden zu einem "Dichter wider Willen" gemacht haben, gehört in der Stalinära zu den wenigen polnischen Intellektuellen, die sich nicht mit dem Regime arrangieren. Er muss sich mit zahlreichen Nebenjobs mehr schlecht als recht über Wasser halten. Er verdingt sich u. a. als kaufmännischer Angestellter und strapaziert oft sein letztes Privileg: die Auslandsreisen. Dank Herberts Reisen nach Italien und Griechenland entsteht sein großartiges griechisches Tagebuch "Im Vaterland der Mythen".
Herr Cogito und der Gedankenverkehr
"Gedanken gehn durch den Kopf/ meint eine redensart/ die redensart überschätzt den gedankenverkehr/ die meisten/ stehn reglos/ mitten der öden landschaft/ der grauen hügel/ und dürren bäume... "
Deutsch-polnischer Kalender/Sto wierszy polskich
Herr Cogito
Herberts literarische Karriere als Lyriker, Dramatiker und Essayist beginnt Mitte der 50er Jahre mit der Veröffentlichung von drei Gedichtbänden (u. a. "Die Saite des Lichts"). Gleichzeitig debütiert er mit dem Stück "Die Höhle der Philosophen" auch als Dramatiker. Rasch feiern seine Werke auch dank der englischen Übersetzungen von Czesław Miłosz in vielen Ländern Erfolge und der 30-Jährige erwirbt weit über Polen hinaus das Ansehen eines großen europäischen Dichters. In seinen einfachen, aber von Sinnlichkeit und melancholischem Witz geprägten Versen beruft sich Herbert auf Gegenstände außerhalb der Literatur, darunter die antiken Mythen, die Begegnungen mit der niederländischen Malerei, der italienischen Architektur oder dem englischen Gartenbau.
Herberts bekanntestes Werk sowohl in Polen als auch im Ausland wird die 1974 erschienene Gedichtsammlung "Herr Cogito" (Pan Cogito). Diesem Alter Ego Herberts verdanken wir einige Gedichte, die in ihrer Anschauungskraft und Gedankenklarheit einzigartig in der lyrischen Landschaft des 20. Jahrhunderts dastehen. In dieser unauffälligen, dem metaphorischen Sprechen misstrauenden Figur, die bisweilen an Brechts Herrn Keuner erinnert, verbindet Herbert meisterhaft nicht nur Gegenwärtiges und Vergangenes, sondern auch Allgemeines und Persönliches. "Pan Cogito" vermittelt an vielen Stellen den Eindruck, dass das Einzige, was wir gänzlich verstehen können, wir selbst sind. Gleichzeitig jedoch bleibt immer die Hoffnung, dass wir manchmal, in äußerst seltenen Augenblicken, die Grenzen unserer Haut überschreiten und zu einer Zusammengehörigkeit, einem Mitempfinden mit anderen Menschen gelangen können. Nach "Pan Cogito" schweigt Herbert, der zeitlebens an der manisch-depressiven Erkrankung Zyklophrenie leidet, fast zehn Jahre lang. Er verbringt einige Jahre in den USA bzw. Frankreich. Erst 1981 kehrt Herbert nach Polen zurück und lässt sich in Warschau nieder.
Abschied in 89 Gedichten und Herbertjahr
Als in Polen das Kriegsrecht herrscht (ab 1981), avanciert Herbert zur Galionsfigur der Opposition und zum "Wächter der Grundwerte", wie ihn der führende Regimekritiker Adam Michnik nennt. Aus Protest publiziert er bis zur Wende des Herbstes 1989 nur in den Untergrundverlagen oder im Ausland. In seinem letzten Gedichtband "Herrn Cogitos Vermächtnis - 89 Gedichte" von 1998, der erst zwei Monate vor seinem Tod erschien, nimmt Herbert Abschied von dieser Welt, die ein "Olivenhain war, in dem die Erde rot war vom Blut der gerade verscharrten Soldaten", und von Polen, das die Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Abfallhaufen der Geschichte degradierten. Herberts Tod am 28. Juni 1998 versetzte Polen in eine ähnliche Trauer, wie das im Sommer 2004 bei Czesław Miłosz der Fall war. Die Nobelpreisträgerin Szymborska sagte über Herbert, dass er "die Unsterblichkeit verdient habe, da seine Poesie derart schön geraten ist".
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