Wahrscheinlich hat man sich nie zuvor so wie heute, im neuen Polen, derart leidenschaftlich mit der Frage beschäftigt, ob die Presse nicht die Informationsfreiheit missbraucht, ob ihr alles erlaubt ist und worin die Rolle von Journalisten beim Durchleuchten des Lebens öffentlicher Personen bestehen soll. An dieser Diskussion nehmen auch Journalisten teil. Die einen verteidigen das Recht darauf, alles beschreiben und aufzeigen zu dürfen (in der Regel handelt es sich dabei um Kollegen, die diese Art Journalismus selbst betreiben). Die anderen sehen eine Notwendigkeit darin, Grenzen dieser vollkommenen Freiheit zu definieren und sprechen sich für eine bewusste Selbstbegrenzung oder gar strafrechtliche Eingrenzung des Rechtes auf ungehemmte Produktion von Journalisten und Redakteuren aus.
Natürlich war der Fall Piesiewicz
[Krzysztof Piesiewicz, Rechtsanwalt und Drehbuchautor, u.a. Co-Buchautor von Krzysztof Kieślowski, Anm. d. Red.] der Auslöser, oder genauer gesagt das Tagesblatt „Super Express“, mit dem alles begann. Zu grundsätzlichen Vorbehalten führte insbesondere die Tatsache, dass die drastischen Fotos des Senators von Personen stammten oder gekauft worden waren, die – alles deutet darauf hin – diese für kriminelle und erpresserische Zwecke geschossen hatten. Es scheint, als hätte die Zeitung bewusst mit Kriminellen zusammengearbeitet und nach deren Willen gehandelt, denn Piesiewicz war mit der Drohung erpresst worden, dass diese Bilder der Öffentlichkeit zugängig gemacht werden. Dabei handelte es sich um Fotos, die die Privatsphäre dieser Person des öffentlichen Lebens spürbar verletzen, sie erniedrigen und lächerlich machen. Jacek Żakowski hat später in der „Polityka” sogar geschrieben, er zweifle zum ersten Mal nicht daran, dass „der Redakteur strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden muss”.
Der Fall dieser Publikation wurde bereits zahlreich besprochen, da er eine Antwort auf die Frage erforderte, an welcher Stelle die Grenze des Anstandes und der journalistischen Ethik überschritten worden war. Abgesehen von der Prozedur selbst (sprich dass „Super Express“ Material annimmt und abdruckt, das auf kriminellen Wegen besorgt wurde), ist man sich allgemein darüber einig, dass es nicht um die alleinige Information über die Probleme von Senator Piesiewicz ging, sondern dass die Redaktion die skandalösen Fotos vielmehr einfach für den emotionalen Effekt – der damit garantiert war – abgedruckt hat.
Keine Fotos, keine Story
Die Fotos haben den Informationen nichts Neues hinzugefügt, stattdessen haben sie eine Botschaft gesendet, die nach anderen Prinzipien und Rechten funktioniert, haben aus dem Vorfall schnell ein allumfassendes Szenario des Bösen, der Verderbnis und des Unheils gemacht. Aber ein eisernes Prinzip der Boulevardpresse ist auch, dass es ohne Fotos keine Story gibt. Das ist ein Rückfall in die uralte Bilderkultur. Womöglich hatten zuvor einige Redaktionen (ganz bestimmt Rzeczpospolita und Polsat) das Angebot abgelehnt, das „Super Express“ in Versuchung brachte; offensichtlich meinte man, Enthaltsamkeit und Angewidertheit seien schätzenswerte Tugenden. Anderseits haben seriöse Fernsehsender, die über den veröffentlichten Artikels über Piesiewicz berichteten, ohne Skrupel Millionen von Zuschauern die Zeitung gezeigt, beinahe mit stiller Genugtuung, weil sie auf der ausgelösten emotionalen Welle mitreiten, dabei aber selbst ihre Tugend bewahren konnten.
Diese Welle wurde geradezu professionell ausgelöst, überschwemmt immer stärker die polnischen Medien; selbst die fallen ihr zum Opfer, die eben noch – mochte man meinen – für Gelassenheit und Sachlichkeit standen. Wer nicht mitreitet, wer keine Unterhaltung bietet, wird weder Zuschauer noch Zuhörer noch Leser haben. Die Leser wollen nämlich immer mehr Sensationen und Affären, und die Medien wetteifern miteinander, um sie ihnen liefern zu können. Bronisław Łagowski sagte in der Gazeta Wyborcza: „Die Leser erwarten dieses Wettrennen, ohne Rücksicht auf Bürgerrechte; sie wollen keine Gerechtigkeit, sondern sie wollen unterhalten werden.“
In der Tat wird seit einiger Zeit über die Verbreitung der Sittenlosigkeit in Polen geschrieben, vor allem richtet man dabei das Augenmerk auf ihre Präsenz im Internet, in vielen Blogs und Foren. Dort wimmelt es – und das im Grunde ohne, dass jemand strafrechtlich belangt wird – vor Abscheulichkeiten der schlimmsten Sorte, zuweilen fürchtet man sich geradezu, manche Kommentare zu lesen, so einschüchternd und ungehobelt sind sie. So sind sie auch deshalb, weil sie in weiten Bereichen anonym bleiben, man kann sagen, dass wir es mit einem losen Strom des gesellschaftlichen Bewusstseins zu tun haben. Dies könnte für Soziologen, Sozialpsychologen oder sogar Psychotherapeuten ein ernsthafter Untersuchungsgegenstand werden. Es ist als würden die Leser ehrlich sagen, gerade aus dem Bauch heraus, was sie wirklich denken und was sie brauchen, welche Geschichten, welche Wahrheiten und welche Ereignisse. Die Boulevardpresse bedient dies gern, das ist die gleiche Mentalität, nur angepasst an den offiziellen Pressemarkt.
Journalisten hier, Journalisten dort
Wir schreiben: Presse; wir sagen: Journalisten. Aber hier braucht es eine präzise Definition. Wieder wurden bei dem Fall Piesiewicz entschiedene Stimmen laut, man solle die Zeitungen eindeutig unterscheiden in die, die von Sensationen leben, die herausgegeben werden, um den Leser emotional aufzuwühlen, um unaufhörlich Affären und Skandale zu provozieren, und in die, die sich an anderen Prinzipien orientieren, vorsichtig gesagt, nicht am Klatschwert. Jetzt werden alle in einen Sack gestopft, die Praktiken der Boulevard-, Sensations-, Skandal-, Käse- und Revolverblätter (man hat diesen alten Begriff wieder aktiviert) kompromittieren die so genannten seriösen Verlage, das heißt allgemein existiert keine unterscheidende Definition. Hier eine Zeitung, da eine Zeitung, hier ein Journalist, da ein Journalist, oder sei es ein Kommentator. Einer von uns hat im Übrigen kürzlich ein solches Abenteuer erlebt. Er nannte einem Taxifahrer die Redaktionsadresse; beim Aussteigen bekam er zu hören: „Sie haben wirkliche einen tollen Beruf, Sie denken sich Lügen aus und werden dafür auch noch bezahlt.“
Das Wesen und der Sinn der Sensationspresse ist das Geld, so viel Geld wie möglich. Natürlich wollen alle Verleger verdienen, sie rechnen unaufhörlich Einnahmen und Ausgaben gegen, zerbrechen sich den Kopf darüber, wie sie Leser und Werbekunden gewinnen, wie sie ihre Zeitung interessanter machen können, aber nur die Eigentümer von Boulevardblättern denken ausschließlich monetär. Und sie richten es so ein, dass Geld reinkommt, die Inhalte, Wahrheiten und Fakten sind unwichtig, nebensächlich in diesem Sinne, als man sie jederzeit ändern, anpassen und kreieren kann.
Man kann durchaus die Meinung vertreten, dass das in Ordnung ist, dass das ein Geschäft wie viele andere ist. Nur dass eben mit Worten, Sinn und Werten operiert wird, dass es sich nicht um reine Ware handelt, obwohl es als Ware verkauft wird. Hier geschieht nichts ungestraft, Worte verletzen und beleidigen, zerstören Werte, nehmen ihnen den Sinn, machen das gesellschaftliche Bewusstsein kaputt. Als „Super Express“ 2005 den im Irak ermordeten Journalisten Waldemar Milewicz auf der ersten Seite abbildete, schrieb Grzegorz Lindenberg, einst Chefredakteur des Blattes, einen offenen Brief an seinen Nachfolger Mariusz Ziomecki: „Es gibt einen prinzipiellen Unterschied zwischen einer populären Zeitung – wie ich sie aus ‚Super Express’ machen wollte – und einem Revolverblatt, das Du aus dieser Zeitung machst. Ein Revolverblatt lebt von dem zynischen Spiel mit den Emotionen der Leser, davon, ihren Schrecken, ihren Hass, ihre Neugier, ihre sexuelle Erregbarkeit und ihre Missgunst auszunutzen.“
Lindenberg hatte mit seiner Person eine gewisse Zäsur in der polnischen Presse eingeläutet, die 2003 mit dem Erscheinen von „Fakt“ eintrat, eine Replik auf die deutsche „Bild“, ebenfalls von Axel Springer herausgegeben, dem größten europäischen Verlag in Europa. Die Redewendung, man würde in Deutschland keine Wahl ohne die „Bild“ gewinnen, hat Karriere gemacht. Man kann mutmaßen, dass mit „Fakt“ auch gerechnet werden muss.
Billige Fakten
„Fakt“ brauchte
[Ende Oktober 2003, Anm. d. Red.] einen neuen Stil nach Polen und wurde bald führend auf dem Pressemarkt. Er kostete nur einen Złoty, was viele andere Zeitungen dazu zwang, ihren Preis zu senken, und er nannte sich die „Zeitung für normale Leute“. Er wurde, worüber er voller Stolz schrieb, Fürsprecher des so genannten weichen Populismus. Von der ersten Ausgabe an versprach er, dass er die Interessen der „einfachen“ Bürger vertreten würde, dass er zu ihrem Schutze Politiker angreifen würde. Er reaktivierte die alte Teilung in „wir“ und „die“ und ging augenblicklich zum Angriff über. Er forderte, die Ministergehälter zu senken und das „Dreizehnte“ zu streichen. Er gab – wie in der Schule – einzelnen Politikern Zensuren; Leszek Miller bekam beispielsweise eine Sechs. Den Minister für Inneres und Verwaltung ließ er nachsitzen, weil er „schlechten Polizisten“ Prämien zuerkannt und eine halbe Million für Kaffee und Kuchen ausgegeben hatte. Dem Gesundheitsminister verschrieb er ein Hörgerät (die Leser konnten eine Illustration mit dem Querschnitt durch das Ohr des Ministers betrachten), damit dieser die Stimmen von Millionen verzweifelten Patienten hörte.
Die einfachen Leute werden beraubt und betrogen, sind arm und krank („Ich habe Krebs. Ich muss sterben, weil ich arm bin“ – das war die große Schlagzeile auf der ersten Seite der ersten Ausgabe von „Fakt“), werden von Verwaltungsbehörden, Ämtern und Gerichten nicht ernst genommen („die Staatsanwaltschaft legt Steine in den Weg“, „warum musste ihre Mutter sterben“, „13 Jahre lang darf das Gebäude nicht saniert werden“, „in Częstochowa missbrauchen hohe Beamte ihre Untergebenen sexuell“). So fing es an. Dieser eigentümliche Fingerzeig auf „die“ wurde von Kommentaren geladener Gäste untermauert: von den Professoren Edmund Wnuk-Lipiński, Jadwiga Staniszkis, Andrzej Rychard und Marcin Król, die in Texten von cirka einhundert Wörtern Länge Rezepte für die Genesung der Republik präsentierten. Diese Vermischung von Boulevardniveau und Texten höchster Qualität fand seinen Höhepunkt, als das Blatt mit einer Sonderbeilage „Europa“ begann, die intellektuelle Essays enthielt. Später wurde sie von „Dziennik“ übernommen, einer Publikation desselben Konzerns.
„Fakt“ bekam verspätet Konkurrenz von „Super Express“, der beschlossen hatte, Axel Springer an Brutalität und Sensationslüsternheit zu überbieten; er hielt sich nicht damit auf, seine Inhalte mit diversen Essays und Aussagen von Autoritäten aufzuwerten. Während „Fakt“ seine Existenz auf dem Markt ideologisch mit weichem Populismus und besagtem „Fingerzeig“ begründete, legitimierte sich „Super Express“ mit dem Dienst für Freiheit und Demokratie. Sein Chefredakteur erklärte die Publikation über Piesiewicz mit der Liebe zur Informationsfreiheit als Ausdruck des öffentlichen Interesses. „Weil wir Wähler, das Recht haben, alles über unsere Politiker zu wissen“, schrieb er in seinem Blatt. „Denn wir sind es, die sie wählen und bezahlen.“ Große Ideen und große Worte, daneben Bilder des Senators in Frauenkleidern. So einfach geht dieses Spiel.
Der Boulevardpatriotismus
Das Sensations-Business mit großen Worten, Pathos und rauschendem Lärm zu decken, ist eine alte Masche, in Polen geht sie auf die Zwischenkriegszeit zurück. Damals entwickelten sich in einem vorher nicht da gewesenen Ausmaß Zeitungen und Konzerne, die das redaktionelle Prinzip „Blut auf der ersten Seite“ beherzigten. Seriöse Verlage, die ein paar Zehntausend Exemplare verkauften, konnten mit der Auflagenhöhe von beinahe Zweihunderttausend – wie z.B. der „Illustrierte Tageskurier“ (IKC) [
Der Ilustrowany Kurier Codzienny erschien von 1910 bis 1939, Anm. d. Red.] aus Krakau – nicht konkurrieren. Und das in einer Prä-TV-Epoche und als das Radio noch in den Kinderschuhen war; es begann sich erst Ende der 30er Jahre zu entwickeln.
Die heutigen Sensationsblätter wiederholen – obwohl sie natürlich importierte Muster verarbeiten – häufig Stil und Methoden ihrer Vorgänger in der II. Republik Polen. Es kommt sogar vor, dass sie hinter ihnen zurückstehen. Besonders im Vergleich zu dem erwähnten IKC, der technologisch und kaufmännisch ausgesprochen modern eingeführt wurde. Sein Inhaber Marian Dąbrowski brachte in diese Publikation, wie auch in viele andere Verlage seines Konzerns, zahlreiche Neuheiten und Beilagen ein, zuweilen hochoriginelle, wie z.B. den „Metapsychischen Kurier“. Er sparte nicht an Geld für Kampagnen, Eigenwerbung und an Honoraren für renommierte Autoren. Vorne Blut und hinten subtile Artikel von Professoren der Jagiellonen-Universität.
Dąbrowski brauchte aber auch eine leitende Idee und im Einvernehmen mit dem Geist der II. Republik Polen
[1918 bis 1939, Anm. d. Red.] nahm er Kurs auf den Patriotismus, so wie die heutigen Herausgeber von Boulevardblättern auf den weichen Populismus und die Demokratie, mit verschiedenen Beimischungen, darunter natürlich auch patriotischen. Stanisław Cat-Mackiewicz schrieb 1933 über den ICK, dass dieses Blatt „sich verbittet, was auch immer in der Welt von einem anderen Standpunkt aus als dem emotionalen-direkten-polnischen zu betrachten“, dass es sich der nationalen Miesepetermentalität bediene, dass es feindlich eingestellt sei gegen Deutsche, Ukrainer und Russen. „Eigentlich gegen alle.“ Diese Tendenz war im Grunde in jeder Information, in jedem Text sichtbar. Die Redaktion führte unaufhaltsam Kampagnen zum Schutze der „polnischen Interessen“, bekämpfte Feinde außerhalb des Staates und innerhalb der Gesellschaft. Dies war im Allgemeinen der herrschende Ton der gesamten Sensationspresse.
Niemand nahm von dieser Schablone Abstand. Mehr Nuancen waren dann schon im Verhältnis zur konkreten Politik zu sehen, obwohl sich nach 1926 alle großen Konzerne der Sensationspresse für einen Pro-Piłsudski-Kurs entschieden, nicht ohne Druck von den Senatoren, die nicht zögerten mit dem Beispiel Dąbrowskis und dessen „finanziellen Unannehmlichkeiten“ zu drohen. „Der Überlauf von einem politischen Lager in ein anderes“, erinnert sich Wiktor Zechenter, ein Mitarbeiter des IKC, „verschiedene Aktionen, all das, was über das politische Gesicht des Blattes entscheiden sollte, wurde hinter dem Rücken der Kollegen beschlossen.“
Der Patriotismus war mit kräftig dosierter – was in Blättern, die mit Sensationen schockierten, verwunderlich erscheinen mochte – Sitten-Frömmelei vermischt, besonders in den Spalten des IKC, der unaufhörlich gegen die „Zerstörer der klassischen moralisch-ästhetischen Ideale“ auftrat. Die unvergleichliche Kampagne des Marian Dąbrowski von 1932/33 gegen Rita Gorgonowa, die verdächtig war, die Tochter ihres Geliebten ermordet zu haben, ist zur Legende geworden. Gorgonowa wurde bereits vor Ende der Ermittlungen für schuldig befunden, zahlreiche Artikel und Reportagen, die nachmittägliche Sonderausgabe von „Tempo Dnia“ und die Sonderausgabe des „Tajny Detekyw“ dominierten die gesamte polnische Presse. Der bereits erwähnte Cat-Mackiewicz schrieb: „IKC hatte ein Monopol auf dieses Spektakel, und wir alle, die restliche polnische Presse, die was auf sich hielt, rannten hinter ihm her, träumten nicht einmal davon, ihn einzuholen. Damals sah ich den IKC wegen Gorgonowa in den Händen der ehrenwertesten Matronen, würdigsten Professoren, erlesener Exzellenzen. Gorgonowa schlug ihnen andere Blätter neben dem IKC aus der Hand. All diejenigen, die sich am lautesten über das Unmoralische im Gorgonowa-Prozesses aufregten, kannten jede Einzelheit dieses Prozesses am besten, am genauesten, am präzisesten.“
Wir stellen nicht richtig, wir zahlen
Es sind über 70 Jahre vergangen, aber die Dinge stehen ähnlich. Damit hat natürlich nicht nur Polen zu kämpfen. Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dies sei die Folge dessen, dass die Geschichte der polnischen Presse von der Volksrepublik verfälscht wurde. Es konnte sich bei uns keine natürliche Immunität gegen die Invasion heimlicher Sensationsgier entwickeln, oder die Fähigkeit, sie in die zoologische Abteilung abzuschieben. In der Volksrepublik gab es natürlich keine klassische Boulevardpresse, in gewisser Weise waren ihre entfernte Entsprechung die so genannten Nachmittagsblätter wie beispielsweise „Express Wieczorny“
[Der EW erschien von 1946 bis 1999 in Warschau, Anm. d. Red.], sprich eine gemäßigte Version der Indoktrinierung durch das Regime. Amüsant ist, dass eben diese Zeitung in den 90er Jahren in die Hände von Leuten fiel, die Jarosław Kaczyńskis Partei „Poruzumienie Centrum“ (PC) angehörten. Dann ging sie ein, ähnlich wie das PC selbst. Erst die zweite Generation dieser Gruppierung wurde als PiS erfolgreich, ähnlich wie die neue Generation des Boulevardblattes, also „Fakt“, der zwar PiS nicht direkt unterstützt hat, aber mit den Stimmungen eines Teils der Wählerschaft dieser Partei mitschwang, nämlich mit nationalkatholischen, antielitären Stimmungen und darüber hinaus mit dem moralischen Zeigefinger.
Vor allem dank des Internets
(www.brukowiecstory.pl) gelangten Berichte ehemaliger Journalisten der Sensationspresse an die Öffentlichkeit. Anhand zahlreicher Beispiele kann man erfahren, wie diese Zeitungen entstehen, welche Prinzipien in ihnen herrschen, wie die Fotos gemacht werden, wie gegen die Konkurrenz vorgegangen wird, für die man zumeist diejenigen hält, die sich darüber empören, was sie über sich gelesen oder gesehen haben. Religiöse Fragen sind ein festes Element im Repertoire der Revolverblätter. Es werden Wunder beschrieben, natürlich mit Bildern; und im Falle von Unglücken, greift man zu Phrasen wie „wo warst du, Gott“. Das religiöse Motiv ist in dieser Presse sehr präsent, wobei Bilder von nackten Frauen nicht stören, auch die britische Königin nicht, wie sie in einen gewöhnlichen Zug steigt, oder eine Information über Putins unehelichen Sohn. Abschreckende Pornografie lässt sich nicht umgehen, wenn „Fakt“ einen weiblichen Busen gleich neben der Schlagzeile „Mensch gesteinigt“ platziert, dazu drastische Bilder des blutigen Leichnams. Das ist die Grenze, die die Boulevardpresse überschreitet, und trotzdem erwartet sie weiterhin Respekt.
Ihre Arbeit hat viele Prinzipien. Dazu gehören zum Beispiel: „Wir drohen oder zahlen, aber wir stellen nie etwas richtig“, „es zählt das, was wir schreiben, nicht das, was wahr ist“, „auf einen Angriff antworten wir sofort und doppelt so heftig“, „taucht ein Gegner auf, finden wir seine Schwachstelle“, „wir müssen immer einen Feind haben, dieser Feind ist niemals stark“. Manche Motive langweilen inzwischen: Missbrauch von Dienstwagen, die deutsche Bedrohung (Besitzrückforderungen, Erika Steinbach), populistische Aktionen wie das Sammeln von Unterschriften zu einem Entwurf über die Senkung des Rentenalters. Die Boulevardpresse fühlt sich entbunden von wirklicher Analyse, z.B. einer ökonomischen, sie eilt beflissen einer populistischen Strömung hinterher, laut derer denen etwas zusteht, die benachteiligt wurden, sprich den Lesern.
Der Sprache der Boulevardpresse ist leicht verständlich. Es dominiert das Wort „Schock“ (aushilfsweise auch „Skandal“, „Schande“, „Horror“ oder „peinlich“), das sofort eine bestimmte Temperatur auslöst, und keine Fragen danach zulässt, ob „Schock“ vielleicht übertrieben ist, ob die Sache nicht komplexer sein könnte. Ein solches Denken ist für die Boulevardblätter tödlich. Ein anderes wichtiges Wort ist „bestehlen“. Es bestehlen uns Politiker, Geschäftsleute, Arbeitgeber, Chefs, andere Nationen. All das ist „erschütternd“ und „empörend“. Wichtig ist, wer, was und für wie viel gekauft hat, und gleich daneben, dass andere sich kein Brot leisten können. „Du bezahlst den Senatoren die Wohnung“, „Politiker geben für die Feiertage ein Vermögen aus“, „Weihnachtsbäume sind zu teuer“, „gierige Deutsche
[hier: Agnes Trawny, Anm. d. Red.] bekommt von Polen eine Million“, „das schwere Los einen Rentners: Weihnachten für 200 Złoty“, „faule Abgeordnete, 19 freie Tage“, „sie geben 50.000 für Kleider aus“ – soviel zur Besessenheit wenn es um fremdes Geld geht. Es scheint, als wollten die Klatschblätter die allgemeine Frage danach beantworten, woher diese Leute das Geld haben und wer zum Teufel mit diesen schönen Frauen schläft.
Die Revolverblätter legen Wert darauf, dass alle gerichtlichen Urteile so hoch wie möglich sind, für lebenslänglich gratulieren sie den Richtern, obwohl die Sehnsucht nach der endgültigsten Strafe mitschwingt. Erfüllen aber die Richter die Erwartungen nicht, gibt es eine Schlagzeile: „Kind vergewaltigt, Täter freigesprochen“. Die Angeklagten werden zumeist als Unholde bezeichnet. Doch man kann vorher nie wissen, wie die Boulevardpresse einen Fall beurteilt, ob sie „Schande!“ in die eine oder die andere Richtung brüllt. Man kann sich vorstellen, dass die Überlegungen, für welche der beiden gegensätzlichen Optionen sich entschieden werden soll, in den Redaktionen bis zum letzten Moment dauern, aber ist einmal entschieden, werden alle Kanonen in Bewegung gesetzt, Zweifel hören auf zu existieren. So lobte „Fakt“ kürzlich Präsident Kaczyński für die Begnadigung der an der Lynchjustiz in Włodowo Beteiligten, aber ebenso gut hätte man sich eine andere hypothetische Überschrift vorstellen können: „Der Präsident begnadigt Verbrecher, die einen Menschen mit Knüppeln zu Tode geprügelt haben.“ Adressat ist immer der „einfache Mensch“, der „von solchen Privilegien“, wie Abgeordnete und Minister sie haben, „nur träumen darf“.
Es findet kein Abwägen statt, es werden nicht alle Komplikationen berücksichtigt, die das Leben normalerweise bereithält. Auch in dieser Sache nicht. Komplikationen gehören nicht in die Welt der einfachen Menschen, sind Fremdkörper und sind unerwünscht. Aber das Ausräumen sämtlicher Zweifel sorgt dafür, dass die in der Boulevardpresse dargestellte, unnatürlich aufgeblasene, mit negativen Emotionen angefüllte Wirklichkeit im wörtlichsten Sinne komplett verfälscht ist.
Tödlicher Ernst
Dieses Fehlen jeglicher Reflexion ist womöglich die wichtigste Eigenschaft von Klatschblättern. Die zweite ist tödlicher, schwülstiger Ernst, der offensichtlich die Masse an Absurditäten und Belanglosigkeiten ausgleichen soll. Jedes noch so banale Verhalten eines Prommis wird dagegen nach den 10 Geboten bewertet. Viele berühmte Personen, die von Publikationen eines Sensationsblattes geschädigt wurden und gerichtlich dagegen vorgegangen sind, erzählen, auf welche Weise die Texte über sie manipuliert wurden, wie die Fotos bearbeitet wurden, auch mithilfe von Bildunterschriften, die unzutreffende und oft verfälschte Fakten und Ereignisse suggerieren, wie die Redaktionen Aussagen verdrehen, wie sie sie fälschen. Und wie sie mit möglichem Wohlwollen handeln, wobei sie im Gegenzug für ihr Schweigen einen Text oder ein Kommentar erwarten. Wie sie prominente Politiker in ihre Spalten locken, die ein Massenpublikum suchen und bereit sind, neben Sensations-Nachrichten abgebildet zu werden, neben einem Foto einer „Frau, die ihren Ehemann aufgegessen hat“, neben einem Wal, der die Weichsel aufwärts schwimmt, oder neben einem Tümpel, in dem sich das Wasser in Wodka verwandelt hat. Einen Prozess eventuell zu verlieren, wird von den Verlegern von Sensationsblättern einkalkuliert, vor allem weil die finanziellen Strafen nicht schmerzhaft sind, und die Gerichte oft angesichts des Terrors der Informationsfreiheit einknicken.
Hinzu kommt dieser charakteristische Umgang mit Menschen wie mit einer Ware: das sind nur „Fressen“, die in kompromittierenden oder zumindest seltsamen Situationen fotografiert werden müssen. Es gibt ganze Zyklen: ein berühmter betrunkener Schauspieler, ein zweiter, der während eines Festivals öffentlich uriniert, der (Zicken-)Krieg zwischen Mucha und Rusin, eine weinende Schauspielerin auf dem Bahnsteig (warum?! Wer hat ihr was getan?). Am deprimierendsten ist, dass die Redakteure, die diesen Schund publizieren davon überzeugt sind, dass das jemanden interessiert. Selbst wenn sie es selbst verschmähen. Denn das ist eben ihre Arbeit, aber persönlich sind sie feinsinnige Intellektuelle und schreiben für das einfache Volk. Wenn sie diese Zeitungen nicht machen würden, nähmen sie sie als Leser sicherlich nicht einmal zur Hand.
Dabei ist die Vernichtungskraft groß: Zusammengenommen verkaufen „Fakt“ und „Super Express“ über 600.000 Exemplare, und das Tag für Tag. Diese „attraktive“ Boulevard-Antiästhetik schleicht sich bei anderen Medien ein, auch bei elektronischen; sie ist Grund dafür, dass die Kriterien aufweichen und unintelligente, belanglose und unwichtige Themen zugelassen werden. Die Lifeschaltung zu einem Reporter vor Roman Polańskis Haus in der Schweiz hat symbolische Dimensionen. Was sollte er da aufdecken, was sollte er zeigen? Wie Polanski aussieht, weiß man in etwa. Es ging um Polańskis Gesicht nach dem Fall. Das hatte Klatsch-Wert. Überhaupt ist schweres Leid der Hit, seltene Krankheiten – am besten von Kindern – so dass man die Gesichter ihrer Eltern zeigen kann, bis zum bitteren Ende, bis zur letzten Träne.
Der Einfluss der Boulevardblätter erreicht das mediale Verhalten, wo das Meritum eines Gesprächs an Bedeutung verliert, wo der Konflikt dominiert, die personelle Reibung, die Mine des angegriffenen Gegners, seine Emotionen. Es ist immer das gleiche Prinzip: Das Bild zählt, der Text ist nebensächlich. Man kann sich kaum des starken Eindrucks erwehren, dass wir, ein wenig selbstverschuldet, in einem Lügennetz gefangen sind. Die Lüge besteht vor allem darin, dass die Sensationsblätter nicht zur Presse gehören, sondern nur presseartige Produkte sind. Sie werden nicht herausgegeben, um uns eine Wahrheit näher zu bringen, sie werden aus kommerziellen Gründen herausgegeben. Dabei betreiben sie aggressive Heuchelei und Zynismus, missbrauchen demokratisch-freiheitliche Rechte und schützen sich mit demokratischen Werten und Sinnhaftigkeiten. Die Sensations-Medien wollen alle Privilegien der seriösen Presse nutzen und dabei große Profite machen, die der Boulevardcharakter einbringen soll.
Es ist nicht schlimm, dass die Revolverblätter die Existenz von weniger gebildeten Menschen bemerken und ihr Produkt auf sie zuschneiden. Das Problem ist, dass diese fehlende Bildung der Schwerpunkt ihres Businessplans ist, dass sie damit Profit machen, ohne irgendeinen Bildungsanspruch zu haben. Im Gegenteil, würden sie den Leser zum Nachdenken anregen, würde dies zum wirtschaftlichen Untergang solcher Medien führen. Die heutige Gestalt der Boulevardpresse geht – als eine Bedingung für Sein oder Nichtsein – von einer unveränderten Mentalität des Rezipienten und seinen bescheidenen Bedürfnissen aus; diese „Schlichtheit“ wird verhätschelt, gepflegt und aufgewertet. Warum wir das selbst verschuldet haben? Weil wir zulassen, dass diese Presse straffrei agiert. Die Politiker lassen es zu, auch die Leser, die den Eindruck machen, dass sie die Zeitungen und deren Charakter nicht voneinander unterscheiden können, auch die Journalisten und so genannte Autoritäten, die sich ohne größere Skrupel mit ihrer Präsenz in den Klatschspalten neben einem Inhalt, der sie (oder andere) diffamiert, einverstanden erklären.
Wir fordern Schamgefühl, aber auch ernsthaftes Nachdenken über den Zustand der polnischen Presselandschaft, in die Sensationsblätter eingedrungen sind, die sich vor nichts und niemandem fürchten. Es ist höchste Zeit, dass sie sich zu fürchten beginnen. Und zwar nicht nur vor einem Strafkodex, sondern vielmehr vor einem kollektiven Anstand und Schamgefühl.