[2010-07-21]STICHWORT | MYTHOS GRUNWALD

Autor: Redaktion| Paul-Richard Gromnitza

Die Schlacht von Grunwald (deutsch: Grünfelde), die in Deutschland seit preußischer Zeit die Schlacht bei Tannenberg (polnisch: Stębark) heißt, gehört zu den wichtigsten nationalen Mythen der polnischen Geschichte. Gerade in den 123 Jahren, in denen die Nation zwischen den Nachbarländern Russland, Österreich und Preußen aufgeteilt war, wurde die Geschichte vom Sieg der vereinigten polnisch-litauischen Heere über die Kolonisatoren des Deutschen Ordens zu einer sinnstiftenden Heldenerzählung, die half, gegen die Russifizierungs- bzw. Germanisierungspolitik der Teilungsmächte die eigene kulturelle Identität zu bewahren.

Jede polnische Stadt bekam nach dem 1. Weltkrieg eine ulica Grunwaldzka oder einen plac Grunwaldzki und jeder Polentourist, auch wenn er nicht über eine solche schon mal lang geschritten sein sollte, kam so oder so schon mit Grunwald in Berührung, denn auf jedem 100-Złoty-Schein ist dieser Nationalmythos greifbar. Auf der Vorderseite sieht man das Konterfei von Władysław II. Jagiełło und auf der Rückseite eine Ansicht der Marienburg mit zwei Schwertern. Vor der Schlacht soll König Jagiełło diese von zwei Gesandten der Ordensarmee überreicht bekommen haben. Nicht als Versöhnungsgeschenk, versteht sich. Der Hochmeister des Deutschen Ordens – so sprachen die Gesandten – fordere die Polen und Litauer zum Kampf auf. Die Antwort fiel knapp und würdig aus: „Schwerter haben wir genug, aber auch diese nehmen wir entgegen, als ein Zeichen unseres Sieges!“ In Polen wurde übrigens bis in die neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts dieser legendären Schwerter in Form der militärischen Auszeichnung mit dem so genannten Grunwaldkreuz in drei Klassen (Gold, Silber und Bronze) gedacht. Auch Grabsteine im Zweiten Weltkrieg gefallener polnischer Soldaten tragen diese Symbolik.

Grunwald ist noch nach Jahrhunderten überall in Polen gegenwärtig. Sicher mag es Zufall sein, dass die Serie der polnischen Geldscheine königliche Häupter zieren, es ist aber keiner, dass just auf dem mit am meisten benutzten der Mythos immer wieder tagtäglich beschworen wird. Der Historiker Jarosław Krawczyk stellt in diesem Zusammenhang fest: „Man sieht dran, dieser Mythos ist nicht nur lebendig, sondern jemand will auch, dass das so bleibt.“ (Rzeczpospolita vom 3./4. Juli 2010)

Gerade im Sommer 2010 wucherte der nunmehr 600-jährige Mythos geradezu. Die polnische Nationalbank brachte Ende Juni Grunwald-Sondermünzen im Umlauf, die polnische Post zog am 15. Juli mit einer Gedenkbriefmarke nach. Die große Tageszeitung “Gazeta Wyborcza” legte Mitte Juli ihren Ausgaben das frisch restaurierte Historiendrama “Krzyżacy“ (Die Kreuzritter) von Aleksander Ford bei. Die erste polnische Superproduktion (Budget: 33 Millionen Złoty) aus dem Jahr 1960 haben über 30 Millionen Polen in den Kinos gesehen. In Krakau, Warschau und Malbork sind große Sonderaustellungen zu sehen und pünktlich zum Jubiläum ist auch die Gedenkstätte in Grunwald für 28 Millionen Złoty mit EU-Mitteln modernisiert und ausgebaut worden, so dass am 17. Juli die Schlacht mit rund 2500 Rittern würdig nachgestellt werden konnte.



Vom Staatsmythos zum popkulturellem Mythos im Alltag
„Tannenberg. Ja, eine große mittelalterliche Schlacht. Eine der größten. Aber an Europas Peripherien .“ Urteilt der Historiker Tomasz Łubieński lakonisch-spöttisch in seinem Essay “Noch war Polen nicht verloren”. Am 15. Juli 1410 standen sich die Armee des Deutschen Ritterordens und die gemeinsame Streitmacht des Königreiches Polen unter König Władysław II. Jagiełło und des Großherzogtums Litauen unter Großfürst Vytautas in zwei fast drei Kilometer langen Linien etwa 200 Meter von einander entfernt gegenüber. Insgesamt 50.000 Mann sollten später gegeneinander antreten. Obwohl Grunwald im Grunde nichts entschieden hat, nicht einmal den damaligen Feldzug, hat es bis heute für die Polen eine in Deutschland schwer nachvollziehbare Bedeutung. Vielleicht, da es in Deutschland kein historisches Ereignis gibt, das obwohl es Jahrhunderte zurückliegt, derart im Alltag verankert wurde. Seit dem 18. Jahrhundert wurde und wird nämlich mit und an diesem Mythos gearbeitet. Jan Matejkos Schlachtengemälde “Die Schlacht von Grunwald“, Henryk Sienkiewicz' historischer Roman “Krzyżacy“ (Kreuzritter) und vor allem die gleichnamige Verfilmung des Stoffes von Aleksander Ford haben diesen nationalen Triumph jedem Polen eingeimpft. Alles ist übrigens immer noch Pflichtlektüre bzw. Pflichtstoff an polnischen Schulen.

Grunwald ist heute Popkultur. Aus dieser sinn- und polentumstiftenden Heldenerzählung ist längst ein Alltagsmythos geworden, der nach wie vor unterschwellige antideutsche Ressentiments abzurufen vermag. So wurde während der Fußball-EM 2008 vor einem Vorrundenspiel zwischen der deutschen und polnischen Nationalmannschaft durch verschiedene polnische Boulevardmedien an die Niederlage des Deutschen Ordens in der Schlacht erinnert und zwar mit dem Aufruf: „Leo, bring uns ihre Köpfe!” Den polnischen Nationaltrainer Leo Beenhakker sah man mit abgeschlagenen Köpfen als Illustration. Doch das sind immer rarere Tiefschläge des polnischen Boulevards.

Von der polnischen Peripherie ins Zentrum der europäischen Geschichte
Die Deutschen wissen zu wenig über König Władysław II. Jagiełło, Großfürst Vytautas und über Hochmeister Ulrich von Jungingen. Wenn man über dieses Ereignis aus dem 15. Jahrhundert spricht, sollte man lieber von der Schlacht bei Grunwald reden. Da der Sieg über die russischen Armeen in Ostpreußen im September 1914 zur zweiten “Tannenberg-Schlacht“ stilisiert worden ist. Dass in Polen dieser nationale Mythos auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch so frisch bleibt, ist sicherlich bewundernswert. Auf der anderen Seite fragt man sich, warum wirklich (welt-)historische Ereignisse wie die Schlacht am Kahlenberg (1683), die Entzifferung der Schlüsselmaschine ENIGMA (1933) oder der essentielle Beitrag Polens an der Systemwende in Osteuropa (1989) nicht ähnlich rezipiert werden. Vielleicht kann schon bald ein europäischer Mythos “Made in Poland“ diesen wichtigen nationalen, aber doch eher peripheren ablösen. Doch die Arbeit an modernen polnischen Mythen für Europa und die Welt muss heute beginnen zumal solch ein Quantensprung vom Rand in die Mitte eines langen Atems bedarf. Im August jährt sich zum 30. Mal die Entstehung der Arbeiterbewegung „Solidarność”. Man sollte diese Gelegenheit vielleicht nicht ungenutzt verstreichen lassen.

WEBTIPPS
:: Die mythische Schlacht (Die Zeit)

:: Schlacht bei Tannenberg (Wikipedia)


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