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Autor: Jutta Wiedmann, Museum des Warschauer Aufstandes
Am 1. August jährt sich der Ausbruch des Warschauer Aufstands zum 66. Mal. Der Warschauer Aufstand war militärisch gegen die deutschen Besatzer, politisch jedoch gegen die anrückenden Sowjets gerichtet. Strategie der polnischen Exilregierung war es, die Hauptstadt Warschau zumindest ein Stück weit selbst zu befreien, um den Sowjets gegenüber als Herr im eigenen Land auftreten zu können. Aufgrund dieser Ausgangslage war eine angemessene Erinnerung an den Aufstand in der polnischen Volksrepublik schwierig und nur eingeschränkt möglich. Bis 2004 fehlte außerdem eine Institution, die ausschließlich diesem bedeutenden Ereignis der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts gewidmet war.
Zu Beginn der 1950er Jahre war öffentliches Erinnern an den Warschauer Aufstand ausgeschlossen und sogar gefährlich, viele ehemalige Aufständische saßen unter dem Vorwurf der Kollaboration mit den Deutschen im Gefängnis. Władysław Bartoszewski beispielsweise, Teilnehmer des Aufstands und gegenwärtig Berater des polnischen Premiers, verbrachte über sechs Jahre in stalinistischen Gefängnissen. Nach dem Ende des Stalinismus entspannte sich die Situation etwas, die Veteranen des Aufstands waren nun zumindest nicht mehr direkten Sanktionen ausgesetzt, außerdem fand am 1. August 1957 zum ersten Mal eine offizielle Gedenkfeier statt. Generell entwickelte sich die Interpretation der Ereignisse dahin, dass man zwar den Einsatz der einfachen Soldaten hervorhob und den Opfern unter der Zivilbevölkerung gedachte, nicht aber die Entscheidungsträger würdigte, deren Handeln im Gegenteil als kriminell und verantwortungslos dargestellt wurde.
Während ein Denkmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto schon 1948 errichtet wurde, gab es ein Denkmal für den Warschauer Aufstand lange Zeit nicht. Die frühesten Bemühungen, ein solches Denkmal zu errichten, wurden von den kommunistischen Machthabern in eine andere Richtung gelenkt: 1964 wurde auf dem Plac Teatralny (Theaterplatz) ein Denkmal eingeweiht, das eine Nike mit einem Schwert in der Hand zeigt, die sehr allgemein gehaltene Widmung lautete: „ den Helden Warschaus der Jahre 1939-1945“ (das Denkmal steht heute am Rand der Altstadt unterhalb des Schlossplatzes).
Während der nächsten drei Jahrzehnte konnten in Polen trotz Zensur zahlreiche Bücher erscheinen, die verschiedene, wenn auch nicht alle Aspekte des Aufstands thematisierten. Zwei bekannte Beispiele dieser Bücher, die auch auf deutsch erschienen sind, sind: Miron Białoszewski, deutscher Titel: „Nur das was war“, sowie Tadeusz Klimaszewski, „Verbrennungskommando Warschau“. Dies sind Werke, die eindrucksvoll das Leiden der Zivilbevölkerung und der Aufständischen in der umkämpften Stadt schildern, dabei aber nicht auf die politische Situation eingehen.
Diese Darstellungen hielten den Aufstand einerseits in Erinnerung, andererseits verfestigte sich in Polen dadurch eine Gedenkkultur, in deren Mittelpunkt die grausame Niederschlagung des Aufstands durch die deutschen Besatzer und das Leiden der Zivilbevölkerung standen, in der jedoch alles, was mit der polnischen Exilregierung und dem von ihr in den befreiten Stadtteilen aufgebauten „Staat“ zu tun hatte, keinen Platz hatte. Diese durch die kommunistischen Machthaber propagierte Gedenkkultur führte die Tendenz fort, Polen als Opfer und polnische Geschichte einzig als Martyrium darzustellen. Nach jahrzehntelangen Bemühungen wurde 1989 auf dem Plac Krasińskich endlich ein Denkmal für den Warschauer Aufstands eingeweiht. Vorausgegangen waren mehrere Wettbewerbe, die daraus hervorgegangen Siegerprojekte wurden aber alle wieder verworfen. Realisiert wurde schließlich ein Projekt von Wincenty Kućma und Jacek Budyn. Die Entstehung dieses Denkmals ist einerseits als Erfolg gegen die kommunistischen Machthaber anzusehen, andererseits steht das Denkmal in seiner Ausführung in der Tradition des sozialistischen Realismus und betont laut Kritikern vor allem die Niederlage der Aufständischen. Der bedeutende 50. Jahrestag des Ausbruchs des Warschauer Aufstands konnte 1994 zum ersten Mal angemessen gefeiert werden. Geladen waren auch ausländische Gäste, u.a. der damalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog.
Einen Paradigmenwechsel der Betrachtung des Warschauer Aufstands brachte 2004 die Gründung des Museums des Warschauer Aufstands. Im Mittelpunkt der Erinnerung steht hier das Motiv „Freiheit“ und der Versuch, das Warschau des Jahres 1944 aus der Perspektive moderner demokratischer Werte zu zeigen. Schwerpunkt der Dauerausstellung sind Phänomene, die das Funktionieren des polnischen „Staates“ auf dem Boden der befreiten Stadtteile sowie das Engagement der Zivilgesellschaft dokumentieren: so ist ein ganzer Raum dem Presse- und Druckwesen der Aufstandstage gewidmet, hier werden ausführlich die zahlreichen Zeitungen verschiedener politischer Richtungen, die während des Aufstands erscheinen konnten, gezeigt. Ähnliches gilt für die Organisation der Versorgung mit Lebensmitteln, Konzerte und Theatervorstellungen berühmter Künstler, das religiöse Leben und die Krankenhäuser, in denen neben verletzten Aufständischen auch Wehrmachtssoldaten behandelt wurden sowie die durch Pfadfinder betriebene Post.
Die durch das Museum veranstalteten Feierlichkeiten zu den Jahrestagen ergänzen diese neue Betrachtungsweise. Polnische Künstler der jüngeren Generation versuchen sich daran, dem Erinnern an den Warschauer Aufstand zeitgemäßen Inhalt und eine moderne Form zu geben: 2006 zeigten Marcin Liber und Monika Grochowska das Schauspiel „Gwiazdy spadają w sierpniu” (Die Sterne fallen im August), in dessen Mittelpunkt die von jungen Schauspielern gesprochenen Erinnerungen Aufständischer standen. 2007 führte Jan Klata „Tryumf Woli” (Triumph von Wola) auf, ein multimediales Stück über den Völkermord im Stadtteil Wola.
2008 lag der Schwerpunkt auf klassischem Theater u.a. mit Shakespeares Hamlet in der Inszenierung von Paweł Passini. Hamlet betrachtet durch das Prisma des Warschauer Aufstands hob das Dilemma “Sein oder nicht sein” auf die Ebene des Gründungsmythos Warschaus, eines Mythos, dessen elektrisierende Wirkung bis heute anhält. 2009 folgte das Stück "Wir lassen euch wissen, dass wir leben. Dubbing 44". Das Drehbuch für das Theaterstück entstand auf Grundlage der Collage von Texten junger zeitgenössischer Autorinnen. Auswahlkriterium für die Texte war die Frage: Wer sind wir Polen mit unserer Erfahrung des Warschauer Aufstands, mit unserem historischen Gedächtnis heute?
:: HINTERGRUND | DER WARSCHAUER AUFSTAND 1944
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