 |
 |
Autor: MAREK HENZLER
Mitte Juli strömten die Massen nach Grunwald, um sich – am 600. Jahrestag – eine Rekonstruktion der großen Schlacht anzusehen. Wir möchten dazu anregen, die steinernen Erinnerungen an den Ordensstaat kennenzulernen.
Die Geschichte der Ordensritter bestand nicht allein aus Eroberungen und Kriegen. Im nördlichen Europa errichteten die Ordensritter etwa 120 Burgen, von denen etwa 90 innerhalb der heutigen Grenzen Polens liegen und die übrigen innerhalb der heutigen Grenzen Litauens, Lettlands und Russlands (im Kaliningrader Gebiet). Auch viele Städte verdanken ihnen ihre Gründung. In ihrem Staat wurden Ordensburgen (als Konvents-, Pfleger-, Kämmererburgen und als Dienstsitz von Beamten niederen Ranges) sowie Bischofs- und Kapitelburgen, die sich an der Architektur der Ordensritter orientierten, gebaut. Die meisten fielen Bränden, Kriegen, Auflehnungen gegen den Orden oder schlechter Bewirtschaftung zum Opfer. Es überdauerten die, die nach dem Niedergang des Ordens der Sitz von Starosteien, Gerichten oder Gefängnissen waren und noch bestanden, als im 19. Jahrhundert eine Welle des Interesses an historischen Denkmälern einsetzte. Dann wurden sie restauriert und später, nach den Verheerungen des Zweiten Weltkrieges, wiederaufgebaut.

Ruinen der Macht
Im Rahmen eines Streifzugs alle Burgen kennenzulernen, ist unmöglich. Deshalb geben wir Tipps für einige Autorouten und die interessantesten Orte. In Pommerellen, der Weichselniederung, im Ermland und in Masuren gibt es heute etwa 40 Orte mit Relikten des Deutschen Ordens: malerische Ruinen und ganze (wenn auch oft umgebaute) Burgen und Städte. Es lohnt, den Streifzug in Pommerellen zu beginnen, wo die Wehrburgen in Lębork/Lauenburg, Bytów/Bütow und Człuchów/Schlochau die Westgrenze des Ordensstaates schützten. Darüber hinaus waren sie, zumal die Burg in Bytów, Orte der Rast auf der Route, die den Ordensstaat mit Westeuropa verband. Auf ihr wanderten die an den Kreuzzügen gegen die Pruzzen teilnehmenden Gäste (Ritter aus dem Westen) ebenso wie die auf den eroberten Ländereien angesiedelten Kolonisten. An der Grenze begrüßten sie gewaltige Burgen aus rotem Backstein – Zeugnisse der Macht des Ordens.
Die Burg in Lębork war lediglich eine Vogtei, aber ihre Mauern beherbergten die zweitgrößte Mühle des Ordens (nach der Danziger). Die Burg des Prokurators in Bytów war eine der letzten, die von den Ordensrittern errichtet wurde, und bei ihrem Bau berücksichtigte man schon den Einsatz von Artillerie und Handfeuerwaffen. 1451 fiel sie in polnische Hand und war zwei Jahrhunderte lang Sitz der westpommerschen Herzöge aus dem Geschlecht der Greifen. In preußischer Zeit befanden sich darin ein Gericht und ein Gefängnis.
Die Burg in Schlochau war Komtur- und Konventssitz. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erstand sie auf einer Halbinsel zwischen zwei Seen. Sie hatte zwei Vorburgen, und den Zugang zu ihr schützten 11 Tore und 9 Türme (laut Długosz). Der mächtige achteckige Hauptturm (der Bergfried für die letzte Verteidigung) mit einer Mauerdicke von fünf Metern in Bodennähe ragte 45 Meter in die Höhe. Er hatte 11 oberirdische und zwei Kellergeschosse, in denen der Brunnen und das Verlies waren. Der einzige Zugang zu ihm befand sich in einer Höhe von 15 Metern über dem Hof.
Die Burg Schlochau galt als die zweitmächtigste nach der Marienburg. Weder nach der Schlacht bei Grunwald noch 1414 gelang es den Polen, sie einzunehmen. Der letzte Komtur von Schlochau ergab sich erst 1454, während des Dreizehnjährigen Krieges. Später plünderten die Schweden die Burg, und den Todesstoß versetzte ihr der preußische König Friedrich Wilhelm II., der 1793 seine Einwilligung dazu gab, die Burgmauern abzutragen, weil man nach einem Feuer Ziegel zum Wiederaufbau Schlochaus brauchte. Von der Burg sind nur die Mauerfundamente und der Hauptturm erhalten geblieben, der bis heute das Stadtbild prägt und an den man im 19. Jahrhundert eine evangelische Kirche im neugotischen Stil anbaute.
Entlang der unteren Weichsel
Wir können die Reise auch in Bobrowniki (flussaufwärts von Włocławek beginnen, wo wir die Überreste der südlichsten aller Ordensburgen vorfinden. Sie wurde um 1400 erbaut, als der schlesische Herzog Wladislaus II. von Oppeln den Ordensrittern das Dobriner Land verpfändete. Diese erfreuten sich nur bis 1404 an der Burg, denn nach dem Frieden von Raciążek kehrte die Gegend um Bobrowniki zu Polen zurück. 1409 gelang es ihnen, die Burg zu zurückzuerobern, doch 1411 besetzte sie erneut die polnische Mannschaft, und die Ordensburg beschützte uns weiter vor den Kreuzrittern. Nach dem Zweiten Frieden von Thorn verschob sich die Grenze zum Ordensstaat nach Norden und die Burg verlor ihre militärische Bedeutung. Die Schweden verwüsteten sie, und im 19. Jahrhundert wurde die Ruine fast völlig abgerissen.
Die nächste Etappe des Streifzugs ist Thorn, das seine Entstehung eben jenen Ordensrittern verdankt. 1231 setzte Hermann von Balk mit einigen Ordensrittern von Mała Nieszawka/Klein-Nessau auf der linken Seite der Weichsel zum rechten Ufer über und begann mit dem Bau des ersten Wachtturms des Ordens – wie die Legende erzählt – in der Krone einer großen Eiche. Das war noch eine Befestigungsanlage mit Holz-Erde-Konstruktion. Die Backsteinburg muss vor 1251 errichtet worden sein, denn da wurde sie bereits Komtursitz.
Von der Burg aus kontrollierte man den Schiffsverkehr auf der Weichsel und beide Thorner Städte: die (1233 gegründete) Altstadt und (ab 1264) die Neustadt. Zum Krieg 1410 stellte das zum Orden gehörige Thorn eine Abteilung mit mehr als 200 Mann auf. Mit der Zeit wandelte sich die Sympathie der Bürger. Am 5. Februar 1454 lehnten sie sich auf und zwangen den Komtur, die Burg aufzugeben. Es begann der Dreizehnjährige Krieg und zugleich der Abriss der Burg, an deren Stelle man eine Müllhalde einrichtete. Bis heute erhalten sind von der Burg nur ein paar Mauern und Keller sowie der Latrinenturm (Dansker).
Von Thorn lohnt sich ein Abstecher nach Chełmno/Culm, wo sich innerhalb der Stadtmauern (mit einem Umfang von 2,3 km) das mittelalterliche Schachbrettsystem der Straßen erhalten hat. In diesem Kastell namens Colmen gestattete Herzog Konrad von Masowien 1222 Bischof Christian, ein Missionsbistum zu gründen, und vier Jahre später überließ er das Kastell mit dem Culmerland den Ordensrittern. Der Bischof zog 1230 von hier fort, und danach begann der Orden mit dem Bau der Burg, die ab 1233 Sitz des ersten Landmeisters Hermann von Balk war.
Am 28. Dezember 1233 unterzeichnete Hermann von Salza, der vierte Hochmeister des Ordens (er residierte noch in Venedig), die Culmer Handfeste, die zum Vorbild für die Gründung vieler Städte (nach dem sogenannten Culmer Recht) wurde, nicht nur im Ordensstaat, sondern auch in Masowien und Podlachien. Nach der Abschaffung des Landmeisteramts übernahmen Zisterzienserinnen dessen Sitz und nach ihnen Benediktinerinnen. Die Burg wurde für die Bedürfnisse des Frauenklosters und des von ihm betriebenen Hospitals adaptiert. Die Hauptattraktion in Culm sind die erhaltenen Stadtmauern, die mittelalterliche Straßenanlage, eine gotische Pfarrkirche mit Reliquien des hl. Valentin, des Schutzpatrons der Verliebten, und das Rathaus auf einem riesigen Marktplatz (111 x 156 m).
Nach der Überquerung der Weichsel sollten wir die Überreste der Burg in Świecie/Schwetz besichtigen. Sie wurde auf einer künstlichen Insel erbaut, die nach dem Anlegen eines Grabens durch ein schmales Landstück an der Mündung der Wda (Schwarzwasser) in die Weichsel entstanden war. Vor dem Krieg von 1410 ließ der Hochmeister den überwiegenden Teil der Truppen des Ordens genau hier in der Region von Schwetz zusammenziehen. Er nahm an, dass die polnischen und litauischen Heere auf der linken Seite der Weichsel nach Danzig ziehen würden. Unterdessen überquerte Jagiełło die Weichsel bei Czerwińsk über eine Schiffbrücke und drang von Süden in das feindliche Gebiet ein, womit er die Fähnlein des Deutschen Ordens zum eiligen Übersetzen auf die rechte Seite des Flusses zwang. Auf dem linken Ufer blieb mit einem Teil der Armee der Schwetzer Komtur Heinrich von Plauen zurück, und als dieser von der Niederlage bei Grunwald erfuhr, gelang es ihm, vor Jagiełło die Marienburg zu erreichen und die Hauptstadt zu verteidigen. Im November 1410 wurde er zum neuen Hochmeister gewählt, drei Jahre später allerdings gestürzt. Eine Zeitlang setzte man ihn in einem Turm der Marienburg fest, später verbrachte er den Rest seines Lebens auf der Burg Lochstädt auf der Frischen Nehrung. Es war eine einträgliche Verbannung, denn der Verwalter dieser Burg war der Bernsteinmeister des Ordens – er besaß das Monopol auf den Handel mit Bernstein.
Nördlich von Świecie/Schwetz finden wir Überreste einer weiteren Burg in Nowe/Neuenburg. Doch besser fährt man auf der Landesstraße 1 gleich nach Gniew/Mewe, wo man unbedingt auf dem Parkplatz vor der Stadt anhalten muss, um wenigstens einen Augenblick lang das Panorama der Stadt mit dem imposanten Korpus der gotischen Burg zu bewundern.
Die eigentliche Burg begannen die Ordensritter um 1290 auf einem quadratischen Grundriss mit einer Seitenlänge von 47 m zu bauen. In der Mitte des Innenhofs mit einer Seitenlänge von 25 m wurde ein 20 m tiefer Brunnen gegraben und in einer Ecke der Burg ein 48 m hoher Hauptturm errichtet. Nach 1466 wurden die Komture von polnischen Starosten abgelöst. Im Jahr 1667 war dies Jan Sobieski, der spätere König von Polen. In der preußischen Zeit befanden sich in der Burg Kasernen, ein Getreidelager und schließlich ein Gefängnis. Infolge des Versailler Vertrags kam Gniew/Mewe wieder zu Polen, und die polnische Armee besetzte die Burg. 1921 nahm sie bei einem rätselhaften Feuer großen Schaden. Zur weiteren Zerstörung der Burg kam es 1945. Die Bürger von Gniew bauten sie – schon in der Dritten Republik –im Rahmen von öffentlich geförderten Jobs für Arbeitslose selbst wieder auf, wobei sich Jarosław Struczyński, der örtliche Kulturanimateur, enorm verdient gemacht hat. Seit Jahren verkörpert er beim Reenactment der Schlacht von Grunwald die Rolle des Hochmeisters Ulrich von Jungingen. In der Deutschordensburg befinden sich heute u.a. ein Kulturzentrum, ein Restaurant, ein Hostel, ein Museum und eine für Gottesdienste genutzte Kapelle, eine Filiale der Pfarrkirche.
Zur Hauptstadt
Imposante Erinnerungen an den Orden stehen auch auf dem rechten Ufer der Weichsel. Wir können den Streifzug an der an der Drwęca/Drewenz gelegenen Burg in Golub-Dobrzyń/Gollub beginnen. Diese Grenzfestung der Ordensritter kannte zwei Glanzzeiten in ihrer Geschichte. Die erste nach ihrer Erbauung und die zweite in den Jahren Volkspolens, als der Direktor der Burg, Kastellan genannt, in ihr die ersten Ritterturniere und Bälle veranstaltete, auf denen die damaligen Eliten höfische Tänze und Sitten einübten.
Von Gollub lohnt es sich, nach Brodnica/Strasburg an der Drewenz zu fahren, wo von der einstigen Komturburg das Kellergeschoss und ein imposanter, über 50 m hoher Turm (den man besteigen kann) erhalten geblieben sind. Etwas weiter steht die schönste Ordensruine – die Burg Rehden/Radzyn Chełmiński. Im 14. Jahrhundert beeindruckte sie durch ihre Größe und den Reichtum an gotischen Details, die u.a. aus glasiertem Backstein gestaltet waren. Schon im 15. Jahrhundert ging es mit ihr bergab, als Ordensritter und Polen sie abwechselnd einander entrissen. Danach traten die Schweden in der Rolle der Zerstörer auf, und an der Wende des 18. und 19. Jahrhunderts machte die preußische Verwaltung aus ihr ein billiges Baustofflager. Aus dem Backstein der Ordensburg wurde u.a. das örtliche Rathaus gebaut. Ende des 19. Jahrhunderts begann man mit der Restaurierung des Objekts, die bis heute andauert. Für Touristen sind der Burghof, die Kapelle, ein Teil des Kellers und zwei durch einen Wehrgang miteinander verbundene Türme zugänglich. Es lohnt, dort hinaufzusteigen, um sich die einstigen Besitzungen des Komturs von oben anzusehen.
Im ein Stück weiter gelegenen Pokrzywno/Engelsburg fahren wir dann auf einer Straße, die 1965 irgendein Entscheidungsträger quer durch den Burggraben und die Vorburg einer weiteren Burg(-Ruine) anlegen ließ. Diese Straße führt nach Graudenz/Grudziądz, wo sich an der Weichsel mittelalterliche Speicher und eine schon aus späterer Zeit stammende Festung erhalten haben, für deren Bau die Preußen einige alte Ordensritterburgen abrissen. Dann kommt Kwidzyn/Marienwerder mit einer schönen gotischen Domkirche und einer daran anschließenden Burg mit dem größten Dansker in Polen. Diese Burg wurde nicht vom Orden gebaut, sondern vom Domkapitel des Bistums Pomesanien, das sich dabei die Wehrarchitektur der Ordensritter zum Vorbild nahm. Dieses Bistum unterstand, wie die übrigen im Ordensstaat auch, in kirchlichen Fragen dem Papst, dagegen musste es in zivilen, darunter der Verteidigung, auf den Orden hören. Im Schloss gibt es ein Museum.
Als nächstes fahren wir an Sztum/Stuhm mit den Resten einer Burg vorbei, und nun ist es auch schon nicht mehr weit nach Malbork/Marienburg, der Hauptstadt des Ordensstaates an der Nogat. Mit dem Bau der Ordensburg wurde nach 1275 begonnen, und 1309 verlegte man den Sitz des Hochmeisters von Venedig hierher. Nach weiteren Entscheidungen zum Um- und Ausbau entstand in einem Zeitraum von anderthalb Jahrhunderten ein riesiger gotischer Kloster- und Schlosskomplex, der sich über 18 Hektar erstreckt (und damals größer war als die Stadt Marienburg). Hinter den Burggräben und Mauern wurden drei Schlösser (Hoch-, Mittel- und Vorschloss) und der Hochmeisterpalast errichtet, mit Kanzleien für die Beamten, mit Kirchen und Kapellen, mit Unterkünften für die Ordensbrüder, ihre Gäste und Bediensteten, mit Hospitälern, Küchen, Lebensmittel- und Waffenlagern, Werkstätten, ferner einer Mälzerei, einer Brauerei, einer Glockengießerei, einer Schmiede, Stallungen für 400 Pferde und einem Karwan (Zeug- und Wagenhaus).
Trotz neunwöchiger Belagerung gelang es Jagiełło 1410 nicht, die Marienburg zu erobern. Der erste polnische König, der in die Burghöfe einzog, war Kazimierz IV. Jagiełło. Er erwarb die Burg 1457 von der Söldnerbesatzung für den Preis des ausstehenden Solds. Nach dem Zweiten Frieden von Thorn wurde die Marienburg zu einer königlichen Residenz. Es gab hier einen polnischen Starosten und eine Mannschaft und eine Zeitlang auch ein königliches Münzamt.
Im Polnisch-Schwedischen Krieg und im Zweiten Nordischen Krieg wurde die Marienburg heftig in Mitleidenschaft gezogen. Zu weiteren Zerstörungen kam es Ende des 18. Jahrhunderts, als preußische Kasernen in ihr untergebracht waren. Im Großen Remter richtete man eine Reit- und Exerzierhalle ein und im Hochmeisterpalast eine Weberei und Wohnungen für deren Beschäftigte. Anfang des 19. Jahrhunderts begannen sich Proteste gegen eine weitere Verwüstung zu regen. Die Restaurierungsarbeiten dauerten von 1816 bis Ende 1944, als die Marienburg zur Festung erklärt wurde. Während der Eroberung der Burg und der Stadt durch die sowjetische Armee wurden die meisten der bereits wiederhergestellten Objekte erneut zerstört. Die Wiederaufbauarbeiten mussten wieder von vorne anfangen. Um einen guten Eindruck von der Burg und ihren Ausstellungen (u.a. die größte Sammlung von Bernsteinen und Bernsteinschmuck in Polen) zu gewinnen, muss man einen halben, besser einen ganzen Tag ansetzen. Auch nächtliche Besichtigungen und Licht- und Tonschauen werden hier veranstaltet.
Von der Marienburg lohnt es, über Elbing, einst die Hauptstadt der Landmeister und später Sitz des Großspittlers, nach Frauenburg/Frombork weiterzufahren. Hier hat sich mit Domburg und Dom, ein Wehrensemble der ermländischen Bischöfe erhalten, um deren Diözese zwischen den Ordensrittern und Polen sogar Kriege geführt wurden. Im Mai 2010 fand im Frauenburger Dom, nach Exhumierung und Identifizierung, Nikolaus Kopernikus, der berühmteste hiesige Domherr, wieder seine letzte Ruhestätte.
Masuren, das alte Preußen
Auch von Nidzica/Neidenburg aus kann man eine Route auf den Spuren der Ordensritter entwerfen. Im 14. Jahrhundert wurde hier eine Pflegerburg des Deutschen Ordens errichtet, die von Jagiełłos Truppen auf dem Weg nach Grunwald kampflos eingenommen wurde. Später belagerten die Burg, mit unterschiedlichem Erfolg, Ordensritter, Polen, Tataren, Schweden, napoleonische und russische Truppen und im Januar 1945 schließlich die Rote Armee. Damals wurde sie auch fast vollständig zerstört. In den Jahren 1961-65 wurde sie wiederaufgebaut. Heute kann man in ihr die Kapelle, den Remter (mit teilweise erhaltenen Polychromien), die Stube des Pflegers und im obersten Geschoss den Speicher (heute ein Mehrzwecksaal für kulturelle Veranstaltungen). Der Hof war ursprünglich von Kreuzgängen aus Holz umgeben, die man während des Wiederaufbaus der Burg durch Wandelgänge aus Beton ersetzte, die vor dem Hintergrund des gotischen Gemäuers schrecklich stillos aussehen. „Selbst wenn wir es uns leisten könnten, die hölzernen zu rekonstruieren, würde die Feuerwehr ihre Zustimmung verweigern, seit wir in der Burg ein Hotel, ein Kulturzentrum, ein Museum, eine Bibliothek, eine Galerie und den Sitz der Ritterbruderschaft haben“, erläutert ein Burgführer. Das Objekt ist Eigentum der Gemeinde und wird u.a. durch die Vermietung von Räumlichkeiten unterhalten (für eine Hochzeit im Rittersaal zahlt man 1700 Złoty).
Nicht weit von hier liegt Grunwald. Die 600-Jahrfeier der Schlacht sollte unter der Schirmherrschaft der Präsidenten Polens und Litauens, Lech Kaczyński und Dalia Grybauskaite stattfinden. Nach der Katastrophe bei Smolensk und vor der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen wissen wir noch nicht, wer der Gastgeber der offiziellen Feier am 15. Juli, dem Jahrestag der Schlacht, sein wird [Der Text erschien Ende Juni. Gastgeber war Bronisław Komorowski, Anm. d. Red.]. Das Drehbuch für ihr Reenactment, das für Samstag, den 17. Juli vorgesehen ist, kennt man seit Jahren. Nur dass sie erstmals unter Beteiligung eines Litauers in der Rolle des Großfürsten Vitold stattfinden wird (das Casting gewann ein Hauptmann der litauischen Armee).
Unweit von Grunwald liegt Ostróda/Osterrode. Im örtlichen Museum in der Komturburg konnte man im Frühjahr 2010 eine Ausstellung über die Instrumentalisierung Grunwalds im Dienste von Ideologie und Propaganda besuchen. Ein ziemlich erbärmliches Beispiel dafür konnte man in volkspolnischer Zeit in Ostróda selbst finden, wo man den bis heute am Drewenzer See/Jezioro Drwęckie stehenden preußischen Bismarckturm damals Jagiełło-Turm nannte.
Im Rahmen des weiteren Streifzugs lohnt eine Besichtigung der Burgen des Domkapitels in Allenstein (mit dem Ermländisch-Masurischen Museum) und in Lidzbark Warmiński/Heilsberg mit herrlichen gotischen Kreuzgängen (die dieses Jahr leider von Gerüsten der Konservatoren verstellt sind). Weiter östlich gibt es noch interessante Burgen in Reszel/Rößel, Kętrzyn/Rastenburg und Ryn/Rhein. Die Besichtigung der Deutschordens- und Bischofssitze sollte man nicht auf die lange Bank schieben. Immer mehr Burgen geraten in die Hand von Privatleuten oder GmbHs und werden zu Residenzen oder Hotels umgebaut. In den Vorburgen tauchen immer mehr Schilder auf: „Privatgelände –Betreten verboten“.
Der Kult Vitolds des Großen
Im Kaliningrader Gebiet ist nicht eine einzige Burg des Deutschen Ordens als Ganzes erhalten geblieben. Noch in den siebziger Jahren wurden einige Ruinen gesprengt, da man sie für Symbole des preußischen Militarismus hielt.
Anders sieht es in Litauen und Lettland aus. Fast zwei Jahrhunderte lang wurde hier um den Zugang zum Meer und die Herrschaft über das Memeltal – eine natürliche Grenze – gekämpft. Mal hatten die Litauer die Oberhand, mal die Ordensritter, denen es einmal sogar gelang, Wilna abzubrennen. Jede der Seiten befestigte ihre territorialen Eroberungen, indem sie Wallburgen mit einer Holz-Erde-Konstruktion errichtete, die der Gegner so schnell wie möglich abzubrennen und zu zerstören suchte. Nur in Memel/Klaipeda gelang es den Ordensrittern, eine gemauerte Burg zu bauen. Von der Memelburg sind ein paar Dutzend Meter teilweise freigelegter Fundamentsmauern und ein Turm übrig geblieben. Von ihrer Größe zeugt lediglich eine Schautafel im Burgmuseum. Es ist schwer zu finden: Es ist in den Bastionen einer preußischen Festung untergebracht, die auch beinahe dem Erdboden gleichgemacht worden wäre.
Das heute kleine Litauen betreibt eine eigene Geschichtspolitik und bemüht sich, die Tage des Ruhms aus seiner Vergangenheit hervorzuholen. Es gibt wohl keine Stadt und kein Dorf ohne eine Straße Vitolds des Großen, seine Denkmäler sind zahlreich (sogar mit der Inschrift: „Vitold der Große! Du wirst fortleben, solange auch nur ein Litauer am Leben ist“), und man widmete dieser letztlich weltlichen Persönlichkeit sogar eine Kapelle mit eigenem Standbild im Kriegsmuseum in Kaunas, das selbstverständlich den Namen Vitolds des Großen trägt.
Die Litauer haben nicht die Mittel aufgebracht, um eine angekündigte Superproduktion über die Schlacht bei Žalgirio, also Grunwald/Tannenberg, zu drehen. So schlug man den Bürgern die Teilnahme an einem „Reisemarathon – Schlacht bei Grunwald“ vor. Litauische Historiker wählten zehn Orte in Litauen aus, die jeder Marathonteilnehmer, der sich auf einer besonderen Internetseite registriert hat, nun besichtigen kann, wobei er als Beleg für den Aufenthalt ein Photo von sich vor dem jeweiligen Objekt einschickt. Dafür gibt es Preise. Mit Grunwald und den Ordensrittern haben sie insoweit etwas gemein, als sie in irgendeiner Weise mit der Person des Großfürsten Vitold verbunden sind. Der Birutė-Berg in Palanga/Polangen ist zum Beispiel der Geburtsort seiner Mutter, die Burgruine in Alt-Trakai, dem Geburtsort des „Befehlshabers der Schlacht bei Grunwald“, wie wir auf der Webseite des litauischen Marathons lesen, die Burg in Trakai, sein väterliches Erbe und Lieblingsresidenz, in Birštonas gibt es einen Burgwall, der Vitold-Hügel genannt wird, in Kaunas seine Kirche usw.
In Lettland scheint man keine Probleme mit der Geschichte des Ordens zu haben. Im Schloss Jelgava/Mitau steht in der Krypta der Herzöge von Kurland der bescheidene Sarg des letzten Hochmeisters des livländischen Ordenszweigs. Und im Rigaer Schloss des Ordens, in dem sich auch ein Museum befindet, residiert der Präsident von Lettland.
:: BILDERGALERIE
Der Text erschien in der Polityka Nr. 27 vom 30.6.2010. Übersetzung: Silke Lent | Redaktion: Paul-Richard Gromnitza | DIE NÄCHSTE PAD ERSCHEINT NACH DER SOMMERPAUSE AM 3. SEPTEMBER 2010
©
© der deutschen Übersetzung 
|